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Das Fontane-Buch : Beiträge zu seiner Charakteristik ; Unveröffentlichtes aus seinem Nachlaß ; das Tagebuch aus seinen letzten Lebensjahren / hrsg. von Ernst Heilborn
Entstehung
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südlichen Cevennen, schlanke, zierliche Dame mit schwarzem Haar und Kohlenaugen. Aber das Temperamentvolle war nicht das ihre Eigenart Bestimmende, oder trat doch nur in diesem, auch ungezügelt schönen, Triebe, Fremde zu be­schenken, und sei es über die Grenzen der eigenen beschei­denen Vermögenslage hinaus, zutage. Sie war verständig und nüchtern. Sie hatte Sinn für Repräsentation, darin ganz die Seidenhändlerstochter, als die sie ausgewachsen war. Auf vorteilhaftes Aussehen und gute Manieren legte sie Wert, Reichtum und Besitz waren in ihren Augen die Mächte, auf die es ankam; und denen sie sich beugte. Sie hatte den Kindern gegenüber die rasche Hand, was durch­aus nicht ausschloß, daß sie gewöhnlich den Vater zum Sprach­rohr ihrer Anordnungen machte. Dem mütterlichen Erbteil in seinem Blute verdankte es Theodor Fontane und von Dank ist hier durchaus zu reden, daß der nicht abweisbare, peinigende Wunsch nach vornehmer, großzügiger Lebens­führung ihm den Lebensweg erschwerte; ihrem erzieherischen Einfluß, daß er nicht auf die Bahn des Vaters geriet.

An seinem Vater hat dieser Unzärtliche mit zärtlichster Liebe gehangen: vielleicht, daß er das Lebendige daraus später auf seinen eigenen ältesten Sohn, den ihm der Tod frühzeitig rauben sollte, übertrug?

Es ist aber auch noch etwas anderes als nur eben Liebe diesem Vater gegenüber. Er schuf ihn sich zum Bilde. Trug selbst soviel vom Vater in sich, oder lieh dem soviel aus seiner eigenen Persönlichkeit, daß die Bilder sich seelisch beinahe deckten. Und wo er den Vater reden ließ, gab er ihm fon- tanescheste Worte in den Mund.

Das alles will bei ihm gewiß nicht besagen, er sei dem Vater gegenüber unkritisch gewesen. Mit der Herzensanteil­nahme schärfte sich ihm der Blick.

Frisch, lebensvoll, hochaufgewachsen, mit breiten Schul­tern und großen Augen, im Auge selbst die Mischung von Strenge und Gutmütigkeit": so das Äußere des Vaters.

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