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Das Fontane-Buch : Beiträge zu seiner Charakteristik ; Unveröffentlichtes aus seinem Nachlaß ; das Tagebuch aus seinen letzten Lebensjahren / hrsg. von Ernst Heilborn
Entstehung
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betont, dabei aber den Vorwurf der Lieblosigkeit von sich gewiesen. Als Kind und in jungen Jahren scheint er überaus eitel gewesen zu sein, machte des auch durchaus kein Hehl. Sein Temperament war allzeit stark genug, mit ihm durch­zugehen, an einer Dosis Leichtsinn fehlte es nicht. Als mütterliches Erbteil die Wertschätzung von Besitz und äußerlichem Ansehen, als väterliches das Gascognertum, das Spielen mit Unwirklichkeiten, von beiden Seiten her ein Hang zum Wohlleben. Aus solchen Anlagen sollte eine Persönlichkeit erwachsen, reich, gütig, stark, wie selten eine.

Diese fontanesche Alterspersönlichkeit war wie eine Sonne begnadeten Friedens. Sie war es kraft des Kampfes, der geleistet war.

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Ein Mann mit gesunden Zähnen und entschiedenem Hang zum Wohlleben, eine Künstlernatur mit ausge­sprochenem Sinn für Großzügigkeit der Lebensführung, dieser selbe Mensch jung verheiratet, frühzeitig Familien­vater und bis ins späte Alter hinein im Kampf mit der dummen Sorge^um das allernotwendigste Haushaltungs­geld: es mußte da irgendwie zur Abrechnung kommen.

In England setzte dieser Kampf um den Lebensstil, der für Fontanes Persönlichkeitsentwicklung die allergrößte Bedeutung gewinnen sollte, ein. Es wäre kaum anders denkbar gewesen. England war damals, in den fünfziger Jahren, in allem, was die Lebensführung ausmacht, Deutsch­land weit voran, man war dem Kastengeist entwachsen, ver­kehrte ungezwungen und gastlich, wußte sich das Dasein be­haglich zu gestalten. Der Deutsche, der damals nach England kam, stand wie ein Waisenknabe vor der Cottagetür. Und das eben empfand Fontane, erfuhr er mit allen Sinnen, prüfte er in seinem Verstände nach, fühlte er in seinem Herzen. Diese Großzügigkeit der Lebensführung war das Element, nach dem er verlangte, sein Element, aber den Schlüssel zu

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