schon viel." Wobei es das Peinlichste an solcher Erkenntnis sein mag, daß der Weg zu ihr nicht einmal zurückgelegt werden muß, sondern tagtäglich, und zwar in Stationen; vom ersten Blick in den auswahlarmen Kleiderschrank, zum dünnen Morgenkaffee, zum sehr bürgerlichen Mittagbrot, bis zu der Grießsuppe, die Schluß macht.
Surrogat war der zweifelhafte Ruhm gewiß nicht gewesen, an Surrogaten fehlte es trotzdem nicht. Gebrach's an Blumen auf dem Tischtuch, so entschädigte dafür ein Blick in ein Blumengeschäft auf dem abendlichen Spaziergang, und blieb als Letztes immer noch das Sargmagazin. Diese Surrogate sind das eigentlich Fontanesche.
Aus solchen Lebenserfahrungen heraus hat sich in Fontane der eigenartige, höchst leidenschaftliche Haß gegen den Bourgeois festgenistet. Der hatte, was ihm fehlte, und wußte doch nichts Rechtes damit anzufangen; schlug sich den Wanst voll, ohne zu irgendwelcher anmutigen Lebensführung zu gelangen. Fontane befand sich da etwa in der Rolle eines Mannes, der ein schönes Mädchen einen Kerl mit einem Klumpfuß seiner eigenen Wohlgewachsenheit vorziehen sieht; wobei das schöne Mädchen etwa die wirtschaftliche Kaufkraft versinnbildlichen würde, über seinen Haß wider alles Bourgeoistum aber hat sich Fontane von Zeit zu Zeit selber gewundert und gemeint, daß es ihm ein eingeschworener Sozialdemokrat darin kaum zuvortun könne, — seinen Sinn für den Zauber wirklichen Reichtums hat er sich nicht trüben lassen. Mit den Vanderbilts und Goulds hat er eS immer gehalten. Allem, was Stil besaß, hat er sich gebeugt.
In seinem Gedicht „Arm oder reich" hat er sich dahin entschieden, dem Spatzenflug der deutschen Reichen ziehe er das Armsein vor. Sein Interesse für Gold beginne erst bei dem Fürsten Demidoff. Man liest das Gedicht und fühlt, daß da etwas nicht stimmt. Aber gerade das Nichtstimmende (das arme, sich selbst betrügende Menschentum) ist das Herzgewinnende.
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