einen Band Kronprinzengedichte 'rausgeben, — natürlich wieder Felix Dahn und Ernst von Wildenbruch an der Spitze. Fehlt bloß noch Johannes Parricida, denn wenn ihn die Arztemicht klein kriegen, diesem mörderischen Dichteranfall wäre er unterlegen.
Dom 4. März bis 8. Juli.
Am 9. März stirbt Kaiser Wilhelm. Merkwürdige Mischung von Landestrauer und Berliner Radau. Der Kronprinz, nun Kaiser Friedrich III., trifft von San Remo in Berlin ein und bezieht Schloß Charlottenburg, nachdem er vorher
— auf dem Wege von Leipzig bis Berlin — dem Reichskanzler ein Schriftstück ausgehändigt hat, ein sogenanntes Regierungsprogramm, das auf mich einen sonderbaren Eindruck macht, weil es Kritik übt und den Reichskanzler als einen „wie andre mehr" behandelt. Eine (wenn man nicht Fortschrittler) mindestens sonderbare Behandlung des großen Mannes, aus der ich auf nicht viel Gutes schloß. Und so kam es. Die liberalen Intentionen waren gewiß die besten, und es mag dahingestellt bleiben, ob Preußen
— All-Deutschland schon schwieriger — nicht nach einem solchen liberalen Programm zu regieren gewesen wäre. Ohne Adel, Geistlichkeit und Bürokratie geht es freilich nicht, aber es ist unzweifelhaft, daß wir in Preußen auch einen liberalen Adel, eine liberale Geistlichkeit und eine liberale Beamtenschaft haben. Mit diesen Elementen, die an Zahl wie geistiger Potenz der alten preußischen Regierungsgarde mindestens ebenbürtig sind, hätte man's unter andern Umständen versuchen können. Aber der neue Kaiser war bereits ein Sterbender, und so hatten wir nicht einen liberalen Regierungswechsel, sondern die alte Regierung blieb, in die nun „vom Kabinett aus", d. h. durch die Kaiserin, fortschrittlerisch hineingewirtschaftet wurde. So daß Will- kürlichkeit und Konfusion dieser ganzen Epoche den Stempel aufgedrückt haben. Aum Glück dauerte es nicht lange. Nach
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