1892.
1892 war ein recht bitteres Jahr für mich. Wie die ersten Wintermonate vergingen, habe ich vergessen. In der „Rundschau" (so nehme ich an, bestimmt weiß ich es nicht mehr) erschien wahrscheinlich mein Roman „Jenny Treidel". Ich begann an meinem Roman „Effi Briest" zu korrigieren, kam aber nicht weit damit; am 14. März erkrankte Emilie und ich gleichzeitig an der Influenza. Emilie hatte die Krankheit stärker als ich, sie genas aber bald, während ich ganz elend blieb und schreckliche Zustände durchmachen mußte. An den guten Tagen las mir Emilie die „Lebenserinne- rungen" Professor Springers vor, was mir viel Freude machte. So kam der Mai heran. Wir hatten, durch Fried- länders gütige Vermittlung, eine in der Nähe von Schmiedeberg gelegene Villa „Villa Gottschalk" gemietet und brachen am 23. Mai auf, uns von der schönen Gebirgsluft Heilung versprechend. Es kam aber anders, ich wurde ganz elend, beinah schlaflos, und so verbrachten wir: Emilie, Martha, ich und Anna, vier schlimme Monate an der sonst so schönen Stelle. Friedländers taten das möglichste, auch Besuch kam: Frau Sternheim, Brahm und Hartleben *), aber die Tage waren schrecklich und wollten kein Ende nehmen. Nach Berlin zurückkehren ging auch nicht, denn es herrschte eine tropische Hitze, dazu kam Cholera. Während des Sommers erschien „Jenny Treidel" als Buch, und in Paris wurde eine französische Übersetzung meines „Kriegsgesangen" publiziert und sehr günstig ausgenommen; aber nichts davon machte mir Freude. In den August fiel auch Alice Grossers Hochzeit, die in „Hohenwiese", auf der Grosserschen Villa, gefeiert wurde; sie folgte dann ihrem Manne, Postinspektor Wachholtz, nach Konstantinopel. Dort starb sie schon Ende Dezember. All die Zeit über war auch Geh. Rat
*) Otto Erich Hartleben gehörte dem Brahm-Schlentherschen Freundeskreise an.
187