Entsetzen, das noch immer vibriert, lief durch das ganze Königreich Kugler und die angrenzenden Ortschaften, als Sie von Frau Klara ein Zimmer verlangten, um „Ihrer Frau die Milch abzunehmen". Man hat das sehr unanständig gefunden; ich find' es ganz gemütlich. Sie wollen daraus ersehn, daß, wie in tausend Dingen des Lebens, so auch hier man mit sich selbst im reinen sein und hinterher sich aus der Auffassung der Menschen nicht allzuviel machen muß. Man wird je nach den Personen, mit denen man verkehrt, sein gesellschaftliches Betragen in Einklang mit deren Wünschen und Anschauungen zu bringen haben, aber im letzten wird man bleiben, wie man ist, bevor einem nicht das Einsehn kommt, daß dies „Sein" eigentlich nichts taugt.
'25. 7. 54. Briefe an Freunde I, i2iff.
2. Zu Fontanes Lebensgang
Von Kindesbeinen an hab' ich eine ausgeprägte Vorliebe für die Historie gehabt. Ich darf sagen, daß diese Neigung mich geradezu beherrschte und meinen Gedanken wie meinen Arbeiten eine einseitige Richtung gab. Als ich in meinem zehnten Jahre gefragt wurde, was ich werden wollte, antwortete ich ganz stramm: Professor der Geschichte. (Dies ist Familientradition, die es erlaubt sein mag zu zitieren.) Um dieselbe Zeit war ich ein enthusiastischer Zeitungsleser, focht mit Bourmont und Duperre in Algier, machte vier Wochen später die Julirevolution mit und weinte wie ein Kind, als es nach der Schlacht bei Ostrolenka mit Polen vorbei war. Seitdem sind dreiundzwanzig Jahre vergangen, doch weiß ich noch alles aus der Zeit her. — Dann kam ich aufs Gymnasium. Als ich ein dreizehnjähriger Tertianer und im übrigen ein mittelmäßiger Schüler war, hatt' ich in der Geschichte solches Renommee, daß die Primaner mit mir spazieren gingen und sich — ich kann's nicht anders ausdrücken — fürs Eramen durch mich einpauken ließen. Zum Teil war es bloßer Zahlen- und Gedächtniskram, doch
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