„Dein berühmter Bruder, den keiner kennt." Niemals bin ich richtiger beurteilt worden; Endresultat von 45 Arbeitsjahren.
9. 8. 82. Briefe an Familie H, 12
Rechte Lust hab' ich zu nichts mehr; man kann in der Kunst ohne begeisterte Zustimmung der Mitlebenden, oder wenigstens eines bestimmten Kreises der Mitlebenden, nicht bestehen. Ringt man sich erfolglos ab, so bringt man es nie über den ledernen 8uoeös ck'sstims hinaus. Empfindet man jeden Augenblick: es ist ganz gleichgültig, ob du lebst oder nicht lebst, und es ist womöglich noch gleichgültiger, ob du einen Roman unter dem Titel „Peter der Große", „Peter in der Fremde" oder „Struwwelpeter" schreibst — alle bestehen aus denselben 24 Buchstaben und alle kommen in die Leihbibliothek und werden ü i Sgr. pro Band gelesen und nach Gutdünken und Aufall abwechselnd gut und schlecht gefunden — auf dieser Alltags- und Durchschnittsstufe stehenbleiben, ist traurig, lähmt und kann selbst meine Hoffnungsseligkeit nicht zu neuen Großtaten begeistern. Man ist also bloß wie der Soldat auf den, Posten, wie der Wereschtschaginsche Russe im Schipka-Paß, erst umwirbelt, dann bis an die Knie im Schnee und schließlich — ganz. Der einzige Trost der einem bleibt, ist der: es liegen viele im Schipka-Paß. Es war immer so, ist so und wird so bleiben.
2z. 8. 82. Briefe an Familie II, 19
Und wiewohl ich gern gelebt habe, jetzt am Ende meiner Tage bin ich doch tief davon durchdrungen, daß dies alles eine Welt der Mängel ist, viel, viel mehr noch, als man in jungen und mittleren Jahren annahm, und daß es nicht schlimm ist, die Unruhe mit der Ruhe zu vertauschen. Sie glauben gar nicht, in wie hohem Maße die Überzeugung davon während dieser letzten Jahre in mir gewachsen ist. Und nicht erst seit Georges Tod. Denn man kann den Tod eines geliebten Menschen tief und innig beklagen und
211