doch in Hoffnung und selbst in Heiterkeit weiterleben. Aber dieser Hoffnung und Heiterkeit — was nicht ausschließt, daß man mal herzlich lacht — entbehre ich seit geraumer Zeit schon, und zwar deshalb, weil so wenig geschieht, dem man aus vollem Herzen zustimmen kann. Unsinn und Ungerechtigkeit und überall Selbstsucht und der Neid in allen Formen. Im kleinen geschieht um einen her sehr vieles, was einen wieder aussöhnt (sonst wär's auch nicht auszuhalten), und unbefangene, nichtswollende Herzensgute lacht einem hier und da entgegen, aber das politische Treiben, das finanzielle, das wissenschaftliche, das künstlerische — wie tief unerfreulich.
rz. 5. 88. Briefe an Freunde II, i;z
Ein so glückliches und so bevorzugtes Leben und doch: „was soll der Unsinn?" Dies kann man beinah' wörtlich nehmen; in der Politik gewiß und in Religion und Moral ist alles Phrase. Früher statuierte ich Ausnahmen; jetzt kaum noch.
ly. y. 98. Briefe an Familie II, Z40
3 . Liebe und Familienleben
Liebe, Liebe, Liebe. Ich habe selbst zu der großen antiken Leidenschaft kein rechtes Fiduz, weil mir auf meinem, bis nun gerade heute zweiundsiebzigjährigen Lebenswege nichts vorgekommen ist, was unter der Rubrik „antike Leidenschaft" unterzubringen wäre. Es mischt sich immer sehr viel häßlicher Kleinkram ein, der mit der Erhabenheit der Gefühle nichts zu schaffen hat. Dennoch — wenn meiner persönlichen Beobachtung auch fern geblieben — ich will in dieser Sache nicht eigensinnig sein und will ohne weiteres zugeben, daß eine große gewaltige Leidenschaft vorkommt und als solche nicht bloß rücksichtslos ihres Weges schreitet, sondern, weil elementar, auch schreiten darf. Von einem solchen „dürfen" darf aber nur dann die Rede sein, wenn es Götter
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