zur Negation zwinge. So waren auch sie in gewissem Sinne bewußte Juden, aber es lag auf der Hand, daß die unnatürliche Künstelei des Rassenbewußtseins nichts anderes war als die letzte Zuflucht des in voller Zersetzung befindlichen Nationalbewußtseins, ein Dämmerzustand, der ohne den Antisemitismus längst schon zur nationalen Auflösung
geführt hätte.- .
Jawohl, es rieselte und bröckelte allenthalben am westlichen Teil des jüdischen Nationalkörpers. Taufe und Mischehe leisteten gründliche Arbeit. Behende Statistiker rechnen bereits den Untergang des westlichen Judentums auf Jahr und Tag voraus.
Da kam der Zionismus. Er riß einen Teil der westlichen Jugend mit sich fort, namentlich soweit sie akademischen Kreisen angehörte. Blitzartig erhellte er ihr Selbstbewußtsein und wandelte wehmütig dekadente Grübler in frohe und kraftvolle Persönlichkeiten um. Er wirkte bei vielen nicht anders, als hätte man ihnen mit einem Male den Sinn ihres Lebens gedeutet, der die Augen übergehen macht und Haß und Spott mit ruhigem Lächeln ertragen läßt. Wie sehr aber müssen doch gerade diese vom Überschwang der Begeisterung gepackten Zionisten dem jüdischen Nationalbewußtsein entfremdet gewesen sein, wenn die zionistische Theorie wie eine Heilsbotschaft auf sie wirken konnte. Nur der Blinde bedarf der Staroperation, um Licht zu sehen. Nur er gerät über den Tag in Verzückung. Dem Sehenden ist der Tag Alltag.-
Bei der Mehrheit der westlichen Juden scheint die Staroperation zu spät gekommen zu sein. Noch läßt sich hierüber Endgültiges nicht sagen. Jedenfalls hat sie sich bis zum heutigen Tage zur zionistischen Theorie nicht bekannt. In Deutschland hat die Taufe während des Weltkrieges ärger als je gewütet. Anscheinend ist bei dieser Mehrheit das Nationalbewußtsein wirklich im Erlöschen begriffen. Für sie ist die Judeneinheit die Einheit des Körpers, dem der Geist soeben entflohen: noch ist sie vorhanden, aber morgen schon nicht mehr.-
Hat die zionistische Theorie nicht recht, wenn sie die jüdische Nation als krank erklärt?-
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