Druckschrift 
Judenproblem / von I. Breuer
Seite
44
Einzelbild herunterladen

Vergebens mühen diese Kreise sich ab, aus der vollendeten Gegensätzlichkeit der religiösen Überzeugung doch noch einen spärlichen Tropfen religiöser Übereinstimmung Heraus- Zudestillieren und mit ihm ihren Verbänden die religiöse Salbung zu erteilen. Gerade diese der Wirklichkeit Hohn sprechenden Anstrengungen erhellen zwar das bereits ein­getretene Unvermögen, sich mit ursprünglichem frischen Nationalgefühl zu durchdringen, zeigen aber in erster Linie mit vollkommener Deutlichkeit, wie außerordentlich wirksam heute noch die geschichtliche Synthese der jüdischen Nation selbst in den Kreisen ist, die von einer jüdischen Nation längst

nichts mehr wissen wollen.-

Die zionistische Theorie wirft aber auch auf die Tatsache des Judenhasses und der Judenliebe ein neues Licht. Die jüdische Nation, die ohne Staat und ohne Land, schwebend zwischen Himmel und Erde, die Jahrhunderte überdauert hat und bis in die neueste Zeit hinein mit der Gabe ewigen Lebens beschenkt schien, diese Nation, die heute noch die Wundmale des Titus an sich trägt und von Pharao und Nebukadnezar als wie von Zeitgenossen redet, sie muß auf die anderen, auf dienormalen" Nationen mit der Zauber­kraft geradezu dämonischer Unheimlichkeit wirken. Beim Anblick der jüdischen Nation überläuft es die anderen Natio­nen mit eiskaltem Schauer, und wie vor einem Monstrum kehren sie sich ab. Sie, die selber auf eigenem Boden sitzen und sich ohne diesen Boden einfach nicht zu denken vermögen, sie wissen, was das bedeutet, sein Land zu verlieren und dennoch am Leben zu bleiben. Was soll denn der deutsche Bauer, der wie ein Eichbaum aus deutscher Erde gewachsen ist, mit diesem Juden da vor ihm anfangen, der ihn zwar in deutscher Sprache begrüßt und deutsche Kleidung trägt, der ihn aber sofort ganz fatalem den Landpfleger Pilatus erinnert? Wo soll er ihn hintun, da er nirgends zu Hause? Wie soll er ihm trauen, der der Vergänglichkeit spottet? Wie denn ihn lieben, dessen Daseinsgesetze ihm ein unfaß­bares Rätsel? Und nun fällt ihm noch ein, daß wie ihm hier, so auch dem Russen in Rußland, dem Franzosen in Frankreich, dem Engländer in England ein Jude gegenüber­steht, in russischer, in französischer, in englischer Tracht und Sprache, aber immerdar als Jude -: und er schüttelt den

44