Heft 
(1891) 66
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Unwiederbringlich.

kein Zweifel sein. Aber daß es so war, was Niemand mehr einsah als Holk selber, war doch auch wieder unbequem und bedrücklich für ihn, und es kamen Momente, wo er unter den Tugenden Christinens geradezu litt und sich eine weniger vorzügliche Frau wünschte. Früher war dies Alles nur stiller Wunsch gewesen, kaum zugestanden, seit einiger Zeit aber hatte der Wunsch doch auch sprechen gelernt; es kam zu Auseinandersetzungen, und wenn Julie Dobschütz, die geschickt zu diplomatisiren verstand, auch meist leichtes Spiel bei Begleichung derartiger Streitigkeiten hatte, so blieb doch das Eine nicht aus, daß Christine, die das Alles geahnt, mit einer Art Wehmuth der Tage im alten Schloß gedachte, wo dergleichen nicht vorgekommen war oder doch jedenfalls viel, viel seltener.

-I-

Nun war Ende September 1859 und" die Ernte längst herein. Die rings­herum unter dem Säulengange nistenden Schwalben waren fort, eine Brise ging, und das Flaggentuch oben auf dem Flachdache schlug träge hin und her. Man saß unter der Fronthalle, den Blick aufs Meer, den großen Eßsaal, dessen hohe Glasthür ausstand, im Rücken, während die Dobschütz den Kaffee be­reitete. Neben der Dobschütz, an einem anderen Tisch, hatte die Gräfin Platz genommen im Gespräch mit dem Seminardirector Schwarzkoppen, der vor einer halben Stunde mit Baron Arne von Arnewiek herübergekommen war, um des schönen Tages in dem gastlichen Holk'schen Hause zu genießen. Arne selbst schritt mit seinem Schwager Holk auf den Steinfliesen auf und ab und blieb mitunter stehen, weil das Bild vor ihm ihn fesselte: Fischerboote fuhren zum Fange hinaus, das Meer kräuselte sich leis, und der Himmel hing blau darüber. Keine Wolke war sichtbar, und nichts sah man als die schwarz am Horizont hinziehende Rauchfahne eines Dampfers.

Du hattest doch Recht, Schwager," sagte Arne,als Du hier hinaufzogst und Dir DeinenTempel" an dieser Stelle bautest. Ich war damals dagegen, weil mir Ausziehen und Wohnungswechsel als etwas Ungehöriges erschien, als etwas Modernes, das sich . ."

. . Das sich nur für Proletarier und Beamte schicke, so sagtest Du damals."

Ja, so was Aehnliches wird es Wohl gewesen sein. Aber ich habe mich inzwischen in Manchem bekehrt und auch darin. Indessen es sei wie's sei, so viel steht mir fest, wenn ich auch politisch und kirchlich, und selbst landwirth- schaftlich, was für unser Einen doch eigentlich immer die Hauptsache bleibt, Derselbe geblieben wäre, das müßt' ich doch einrüumen, es ist entzückend hier oben und so windfrisch und gesund. Ich glaube, Holk, als Du hier einzogst, hast Du Dir fünfzehn Jahre Leben zugelegt."

In diesem Augenblicke ward ihm von einem alten Diener in Gamaschen, der noch vom Vater des Grafen her mit übernommen war, der Kaffee präsentirt, und Beide nahmen und tranken.

Deliciös," sagte Arne.Freilich etwas zu gut, besonders für Dich, Holk; solcher Kaffee wie der zieht wieder fünf Jahre von den fünfzehn ab, die ich Dir eben zugesprochen, und die philiströse, wenn auch höchst bemerkenswerthe