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Deutsche Rundschau.
am meisten Wittwe Hansen selbst. Und das chinesische Geschirr zu dem Thee! Man merkt an Allem, daß Ihr Seliger ein Chinasahrer war, und Ihr Schwiegersohn, wie mir Baron Pentz gestern Abend erzählt hat, ist es auch und heißt auch Hansen; derselbe Name, derselbe Titel, so daß es Einem passiren kann, Mutter und Tochter zu verwechseln."
„Ach, Herr Gras," sagte die Hansen, „wer soll uns verwechseln? Ich, eine alte Frau, mit einem langen und schweren Leben . . ."
„Nun, nun."
„. . . Und Brigitte, die morgen erst dreißig wird! Aber Sie dürfen mich nicht verrathen, Herr Graf, daß ich es gesagt habe und daß morgen Brigittens Geburtstag ist."
„Verrathen? Ich? Ich bitte Sie, Frau Hansen . . . Aber Sie stehen so auf dem Sprunge; das nimmt mir die Ruhe. Wissen Sie was, Sie müssen sich zu mir setzen und mir etwas erzählen, vorausgesetzt, daß ich Sie mit dieser Bitte nicht in Ihrer Wirtschaft oder in noch Wichtigerem störe."
Die Hansen that, als ob sie zögere.
„Wirklich, lassen Sie dies Ihren ersten Besuch sein, den Sie mir in Ihrer Güte ja regelmäßig machen; ich habe ohnehin so viele Fragen auf dem Herzen. Bitte, hier, hier auf diesen Stuhl, da seh' ich Sie am besten, und gut sehen ist das halbe Hören. Ich hörte sonst so gut, aber seit Kurzem versagt es dann und wann; das sind so die ersten Alterszeichen."
„Wer's Ihnen glaubt, Herr Graf. Ich glaube, Sie hören Alles, was Sie hören wollen, und sehen Alles, was Sie sehen wollen."
„Ich seh' und höre nichts, Frau Hansen, und wenn ich etwas gesehen habe, so vergesst ich es wieder. Freilich nicht Alles. Da Hab' ich gestern Abend Ihre Frau Tochter gesehen, Brigitte nannten Sie sie; zum Uebersluß auch noch ein wundervoller Name. Nun, die vergißt man nicht wieder. Sie können stolz sein, eine so schöne Tochter zu haben, und nur den Ehemann begreif' ich nicht, daß er seine Frau hier in aller Ruhe zurückläßt und zwischen Singapor und Shanghai hin und her fährt. So nehm' ich wenigstens an, denn da fahren sie so ziemlich Alle. Ja, Frau Hansen, solche schöne Frau, mein' ich, die nimmt man mit vom Nordpol bis an den Südpol, und Wenn man's nicht aus Liebe thut, so thut man's aus Angst und Eifersucht. Und ich für mein Theil, so viel weiß ich, ich Würde mir immer sagen, man muß auch von der Jugend nicht mehr verlangen, als sie leisten kann. Nicht wahr? In diesem Punkte, denk' ich, sind wir einig; Sie denken auch so. Also warum nimmt er sie nicht mit? Warum bringt er sie in Gefahr? Und natürlich sich erst recht."
„Ach, das ist eine lange Geschichte, Herr Graf ..."
„Desto besser. Eine Liebesgeschichte dauert nie zu lang, und eine Liebesgeschichte wird es doch Wohl sein."
„Ich weiß nicht recht, Herr Graf, ob ich es so nennen kann; es ist Wohl so was dabei, aber eigentlich ist es doch keine rechte Liebesgeschichte . . . bloß daß es eine werden konnte."
„Sie machen mich immer neugieriger . . . Uebrigens ein capitaler Thee; man merkt auch daran den Chinafahrer, und wenn Sie mir eine besondere