Heft 
(1891) 66
Seite
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Aus Wilhelm von Humboldt's Studienjahren.

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aber für Dich gelebt, meine besten Momente nur dazu genutzt, Dir Ruhe und Frieden und Trost zu geben, wenn auch nur durch Mitgefühl des kindlichweichen, treumeinenden Herzens, darin meine ganze Glückseligkeit gefunden hätt' ich gewiß!

Dein Mann war hier, Karoline, aber nicht länger als 6 Tage, trotz meiner Bemühungen. Ich sah ihn nicht viel, weil er immer aus war. Aber doch ein paarmal auf länger und allein. Er war zuvorkommend höflich gegen mich, wie immer, doch schien's mir, ein wenig kälter. Doch mag ich mich darin auch irren. Deinen Brief für ihn bekam ich erst den letzten Tag als er hier war. Er fragte oft danach und auch dabei benahm er sich so inkonsequent. Oft zeigte er so große Verlegenheit, sagte, der Brief betreffe wichtige Punkte, die er abgemacht wünsche, eh er zurückkäme, wo er feine Besorglichkeit bloß mit Bangigkeit für Deine Gesundheit hätte entschul­digen können; und dann sagte er wieder so gezwungen, daß nichts daran gelegen, der Brief gar nicht wichtig sei. Allein sichtbar geht ihm die Sache sehr im Kopf herum, und das kann er nicht einmal verbergen. Sei auch ja nicht zu schonend, Karoline. Du bist so weich, und das ist so schön, Du willst ihn nicht für Deine Inkonsequenz büßen lassen, das ist so edel. Aber war und ist er nicht allein inkonsequent, und Du hast keine Kinder, was willst Du Dich ihm opfern? Ich bin so besorgt um Dein Glück, Deine Ruhe, schreib mir doch bald nach Beulwitzens Zurück­kunft. Er sagte mir, als er wegging, in 4 Wochen dächte er in Rudolstadt zu sein.

Ich schicke diesen Brief an Lotte. Im August bin ich bei Lina. O! wie Du unter uns sein wirst, Du Liebe, Gute. Lebe wohl, und gedenke mein!

Vier Jahre später, nachdem ihre Ehe mit Beulwitz getrennt worden war, fand auch Karoline das Glück, zu dem sie dem verschwifterten und dem be­freundeten Paare behülflich gewesen war, an der Hand ihres Vetters, Wilhelm von Wolzogen. Ihrem Nachlaß entstammen die Briefe, die hier benutzt und mitgetheilt worden sind. Vielleicht nur einem günstigen Zufall verdanken wir es, daß sie dem Schicksal vieler anderen Schriftstücke aus derselben Zeit, welche die hochbetagte Frau vor ihrem Tode zur Vernichtung bestimmt hatte, ent­gangen sind.