Heft 
(1891) 66
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Deutsche Rundschau.

und auch räumlich sollte er ihm bald wieder näher kommen. Doch das liegt außerhalb des Rahmens dieser Skizze. Es möge nur noch ein Brief Platz finden, welcher zwar ein halbes Jahr später geschrieben ist, aber einen tiefempfundenen Rückblick auf jene Tage von Erfurt und Weimar enthält.

x.

(Berlin) 6. Juli 1790.

Was sagtest Du, meine liebe gute Karoline, daß Du so lang keine Zeile von mir sahst. Monate sind verflossen, seit ich Deinen Brief empfing, so oft wollte ich antworten, und nie fand ich mich ganz gestimmt. Ich habe bisher nur so ein halbes Leben hier geführt, mancherlei Geschäfte, noch mehr Zerstreuungen, kurz äußerst wenig Zeit, oft gar keine; viel heterogene Menschen; die mich in meinem Innersten sähen und fühlten, kein einziger so leb ich. Nur selten erklingt da in der Seele ein reiner Ton, und wenn er erklingt, so wird er wieder ver­scheucht, und so entbehrt man den liebsten Genuß auf Erden. Du schreibst so wund und so weh in Deinem letzten Brief. Armes, liebes Weib, wie treu mein Herz mit Dir fühlt. Aber nichts hat mich so tief ergriffen, als was Du von Dir und Schiller sagst.Kein alter Ton erklingt unter uns, ich verhüte es und er sucht es nicht die himmlische Freiheit ist entflohn!" Ich kenne das Gefühl, Karoline, über den Gräbern seiner Freuden zu schweben. Kein andres reicht daran und die Seele empfindet so eine süße Wehmuth, indem das Gefühles war!' sich in die selige Erinnerung der Vergangenheit auflöst. Möge sie Dir oft zurückkehren als eine liebe Erscheinung, sie kann Dich nur freuen, da Du diese Gegenwart daraus schufst, das Glück der lieben Lotte und Schiller's ruhiges, kummerloses Leben! Du schaffst so viel Freude und genießest so wenig, Karoline. Du machst glückliche Menschen und bleibst allein und verwaiset stehn. Das giebt wohl ein großes, hohes, schönes Gefühl, aber dieser Gefühle bedarf unser Herz weit weniger, als der sanften, weichen, an die es sich so schön lehnen, in denen (sich) so süß ruhen läßt. Und gerade diese Gefühle entbehrst Du bei denen, die Dir am nächsten sind. Aber auch nun da, o! bedenke, mit welcher Liebe Dich Lina umfaßt, mit welcher ich und wie, nur auf andre Art Karl, und dann, die Du durch so manches Opfer glücklich machtest, Schiller und Lotte; bedenke das, Karoline, und Deine Seele schaue ruhiger auf die Zukunft. Mir hast Du gegeben, was mir fast Niemand gab. Du warst die erste, die mich ihrem Herzen näher treten ließ. Selbst Lina hatte noch wenig gesehn, wie es in mir war, da kam ich zu Dir und Du verstandst mich, blicktest tief in mich, und Dein Vertrauen und Deine Liebe wurden mein. Du entdecktest sehr früh meine Gefühle für Lina und als ich nach manchem Wechsel meiner Empfindungen zurückkehrte, und ich verzeih' mirs, gute, liebe Seele! mich Dir nicht zu öffnen vermochte, bewegtest Du still in Deinem Herzen, urtheiltest nicht ungleich von mir, und lehrtest mich mich selbst kennen, und der Festigkeit meiner ersten Gefühle nicht mißtrauen. Ich möchte Dich noch immer um Verzeihung bitten wegen Weimar. Es war da manches Unebne in mir. Lina sah das nicht, weil die un­endliche Liebe das gute Mädchen täuschte. Ich weiß nicht, ob Du es ganz sahst. Aber ich fühlte es und es that mir weh, und ich könnt es nicht ändern. Wir sind ja so schwach, Liebe, wenigstens mein Herz ist es, es wird so leicht so schmerzlich bewegt, und wird dann so heftig und ist dann stumpf für jedes andre Gefühl. Ich hatte auch damals so viel gelitten, von so vielen Seiten. Drum möge Deine Liebe mir verzeihn. Jetzt würdest Du mich anders finden, eins mit mir, und glücklich, und so allbeschäftigt mit der lieben theuren Lina! Es liegt ein unbegreiflicher Schatz in dem Mädchen, und wahrlich der Gedanke ist mir manchmal wie ein Traum, daß ich das alles besitzen soll und schon besitze. Denn sie liebt mich, wie sie vielleicht nie geliebt hat. Blicke recht oft auf uns, Karoline, wir sind so glücklich, und eigentlich danken wir das Glück Dir, das wird Freude in Deine verödete Seele gießen. Du bist so ein wunderbar glückliches und wieder unglückliches Wesen. Erinnerst Tu Dich noch des Augenblicks in Weimar, wo Du einmal am sternhellen Abend, als Schiller nicht da war, mit mir hinausblicktest, und so gerührt wurdest, und Dich mit mir aufs Sopha setztest, und Deine Thränen an meinem Busen bargst? Immer vermocht' ich Dir nicht zu folgen. Deine Empfindungen erschienen so schnell, und in so wechselnden Gestalten entzückender Schönheit, aber wo ich Dir folgen konnte, da fühlte ich mich auch so hingezogen zu Dir. Ich weiß nicht, ob ich Dich je hätte eigentlich lieben können,