Heft 
(1891) 66
Seite
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Aus Wilhelm von Humboldt's Studienjahren.

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sie hatte auch gesehen, wie diese, die den ganzen Herbst über kränklich gewesen war, gerade unter dem Ausbleiben der Nachrichten von Humboldt gelitten hatte, und sie war entschlossen, der Unentschiedenheit der Beiden zu Hülfe zu kommen. Wohl nicht ohne Absicht fügte es sich, daß die Schwestern kurz vor der Mitte des December von Weimar, wo sie seit Anfang des Monats weilten, nach Erfurt kamen, während am 16. Wilhelm in Begleitung seines Bruders Alexander von Gotha her eintraf. Nach einer Aussprache mit Karoline von Beulwitz war er entschieden, und diese selbst übernahm es, die Angelegenheit bei dem Vater zu ordnen. Bereits am 18. fand die Verlobung statt. Daß er auch jetztüber seine Gefühle räsonnirte und sich selbst ein Gegenstand der Contemplation war", wie Karoline sagt, hinderte ihn nicht, recht glücklich zu sein. Wenn nicht Alles täuscht, lag seiner früheren Unentschlossenheit doch eine gewisse Furcht, sich zu binden, seine persönliche Freiheit aufzugeben, zu Grunde.Man hat," schreibt er vor mehr als Jahresfrist an Laroche,ganz falsche Ideen von den Pflichten des Mannes und des Weibes gegen einander. Liebe, Offenheit, Vertrauen, Alles macht man zur Pflicht, zur Pflicht, die man fordern, erzwingen, allenfalls ein­klagen kann. Daher kommen denn von der einen Seite die ungestümen Forde­rungen und von der andern der Widerwille, das Geforderte zu thun. Denn wenn man es aus Pflicht thut, so verliert es ja den Werth, es hat nicht mehr Verdienst, es ist nicht mehr süß, es ist nicht mehr sein Eigenthum, das man aus Güte dem andren gibt, es ist Eigenthum des andren, das man ihm aus Gerechtigkeit nicht vorenthalten darf." Es diente jetzt zu seiner Beruhigung, daß in diesem Sinne seine Verlobte mit ihm einverstanden war,daß die Heirath kein Bund der Seelen sei". Für die Zukunft machte man Pläne im Vertrauen auf den befreundeten Coadjutor Dalberg.

Das Weihnachtssest verlebte Humboldt nicht in Erfurt, sondern in Weimar zusammen mit den Schwestern Lengefeld und mit Schiller, dem sich in diesen Tagen ebenfalls der Besitz der Braut durch die Einwilligung der Mutter ent­schieden hatte. Schiller und Humboldt sahen sich hier zum ersten Mal, aber sie waren nun schon durch so viele Beziehungen miteinander verbunden, daß sie sich rasch nahe kamen. Man genoß heitere Tage um spätere Worte Karoline's H Zu brauchenin dem kleinen Kreise guter und geistvoller Menschen, Wo jedes seine Originalität behauptete und sich vom Odem der Liebe getragen und ver­standen fühlte". Auch Laroche war unter ihnen, der durch den Verlust von Lina, wie Lotte schreibt, doch mehr litt, als er eingestehen wollte. Einige Zeit nachher hat er in einem Fräulein von Stein den verdienten Ersatz gefunden.

Am 4. Januar 1790 reisten die beiden Freunde, nachdem sie noch einen Besuch in Erfurt abgestattet hatten, von dort ab, Humboldt nach Berlin, um die praktische Vorbereitung für den Justizdienst anzutreten. Die Zeit der akademischen Studien lag hinter ihm und mit ihr ein Lebensabschnitt, welcher ihn durch äußere Verhältnisse und innere Entwickelung aus der Schule der Berliner Aufklärer und dem empfindsamen Zirkel der Henriette Herz in den Kreis Schiller's hinübergeführt hatte. Ihm gehörte er von da ab geistig an,

Schiller's Leben (1830), Bd. II, S. 59.