Heft 
(1891) 66
Seite
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Die Verkehrs- und Handelsverhaltnisse Nordafrikas.

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Von den Bodenproducten kommen für den Ausfuhrhandel vorzugsweise Weizen, Gerste, Bohnen, Linsen, Baumwolle, Zucker, Tabak, Indigo und Datteln in Betracht. Während die Cerealien und Hülsenfrüchte seit langer Zeit aus- gesührt wurden, sind in neuerer Zeit besonders die Baumwolle und der Zucker- wichtig als -Ausfuhrproduct geworden. Die Production der Baumwolle nahm während des amerikanischen Krieges einen ungeheueren Aufschwung, so daß ihre Ausfuhr in wenigen Jahren um mehr als das Zehnfache zunahm; in neuester Zeit ist dieselbe jedoch wieder in der Abnahme begriffen. Nubien liefert von den genannten Producten nichts für die Ausfuhr, mit Ansnahme der Datteln, die daselbst ausgezeichnet gedeihen. Die Viehzucht steht in Aegypten in mancher Beziehung auf hoher Stufe. Für den Handel kommen Hühner, in künstlichen Brutanstalten gezüchtet, deren Anlage in die ältesten Zeiten zurückreicht, und Tauben in Betracht. Aus dem Mineralreich liefert Aegypten Granite, Syenite, Sandstein, Kalkstein, Kochsalz, Salpeter, Alaun, Natron, Schwefelund Petroleum, von denen aber höchstens die drei letzteren dem Außenhandel dienen.

Aus den Landstrichen am Rothen Meer empfängt Aegypten zur weiteren Ausfuhr, außer dem obengenannten Schwefel, Perlen, Perlmutter, Schildpatt, Weihrauch und Kaffee (aus Abessinien und den Somali-Galla-Ländern), aus dem Sudan: Straußsedern (Sennar und Kordofan), Gummi (Kordofan), Elfenbein, Felle, Wachs rc. Die früher so ergiebige Goldquelle im ägyptischen Sudan ist fast versiegt, und auch die Kupfergruben im Süden Dar-Fors liefern nur ge­ringe Mengen dieses Metalls nach Norden.

Die gewerblichen Erzeugnisse Aegyptens kommen, obwohl die Industrie, be­sonders in Unterägypten, aus ziemlich hoher Stufe steht (ich nenne nur: Webe­reien von Wollen-, Baumwollen- und Seidenwaaren, Jndigosärbereien, Segel- sabriken, Gerbereien, Korbflechtereien, Metallarbeiten, Zuckerrassinerien, Salpeter-, Pulver- und Gewehrsabriken, Töpfereien), fast nur für den inländischen Verkehr in Betracht.

Eingeführt werden in Aegypten fast alle europäischen Producte und Fabrikate, und zwar beträgt die Einfuhr mehr als den dritten Theil der Ausfuhr, und be­läuft sich auf etwas mehr als hundert Millionen Francs. Den Hauptantheil am ägyptischen Handel, d. h. mehr als vier Fünftel, hat England in Händen; dann folgen die Türkei, Frankreich, Oesterreich-Ungarn; Deutschland und die übrigen Handels- und Jndustrievölker haben nur einen sehr unbedeutenden Antheil.

Als Werthmesser dienen im eigentlichen Aegypten Gold- und Silbermünzen aus aller Herren Ländern; türkisch-ägyptisches, englisches und französisches Gold, französische Fünsfranken- und österreichische Maria-Theresiathaler sind die gesuch­testen, und je weiter man nach Süden geht, desto mehr wiegen die letztgenannten vor. Für den Detailverkehr dienen die Piaster, von denen zwanzig auf den Maria-Theresiathaler, also hundert auf das Pfund Sterling gehen. In den vorzugsweise dem Verkehr dienenden Städten befinden sich große Bankinstitute. Der Großhandel ist ganz in den Händen europäischer Kaufleute, unter denen Griechen und Italiener vorwalten dürften.

Aegypten mit seinen Weltstädten Kairo und Alexandrien hat, wie wir ge­sehen haben, in seiner mercantilen Bedeutung im Laufe der Zeit merkwürdige