Heft 
(1891) 66
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Deutsche Rundschau.

Wandlungen erfahren. Im Alterthum und im späteren Mittelalter zu höchster Blüthe gelangt und während der ersten Jahrhunderte der Neuzeit einem stetigen Rückschritt anheimgesallen, so daß Alexandrien z. B. zu Ende des verflossenen Jahrhunderts nur noch wenige Tausend Einwohner zählte zur Zeit hat es deren 180000 haben diese Städte sich im Lause dieses Jahrhunderts wieder mächtig erhoben, theils in Folge der verbesserten Verkehrsverhältnisse im Innern Aegyptens und mit dem Auslande, theils weil der sehr bedeutende Transithandel von Indien und Ostasien zum großen Theil seine alten Bahnen wieder aus­gesucht hat. Damit ist auch der Schiffsverkehr in den ägyptischen Gewässern mit erstaunlicher Schnelligkeit gewachsen. Während derselbe noch im Anfänge der sechziger Jahre ungefähr 1*/2 Millionen Tonnen repräsentirte, finden wir gegen Ende des darauf folgenden Jahrzehnts einen Tonnengehalt von circa zehn Millionen.

Die Haupthäfen sind am Mittelmeer: Alexandrien, Rosette, Damiette, Port Said, und am Rothen Meer: Sues, Koseir, Suakin, Massawa. Seit Alexan­drien unter Mehmed Ali durch den Mehmudija-Kanal mit dem Nil verbunden ist, hat es den größten Theil des Handels von Damiette und Rosette absorbirt; und Port Said, am Eingang in den Suezkanal gelegen, scheint einen Theil des großartigen Verkehrs, den Alexandrien vor der Eröffnung desselben besaß, an sich ziehen zu wollen. Von den genannten ägyptischen Städten am Rothen Meer ist Suez mit seinem großen Hafen die bedeutendste; doch hat die Vollendung des letzteren ihr nicht den mächtigen Aufschwung gegeben, den man erwartete, wenn sich auch die Einwohnerzahl ansehnlich gehoben hat. Koseir ist in bedauerlichem Rückschritt begriffen, Suakin jedoch wird durch seinen Handelsverkehr einerseits mit Dschedda und Arabien, andererseits mit Chartum und dem Sudan in der Fortentwickelung erhalten, und Massawa würde als der natürliche Haupthafen für abessinische Ein- und Ausfuhr ohne Zweifel die ihm durch seine Lage zu­kommende Bedeutung erlangen, wenn es der ägyptischen Oberhoheit entzogen würde*). Die auf dem Küstenstrich zwischen Abessinien und dem Rothen Meer- gelegenen und Aegypten gehörigen Häfen Berbera, Tadschurra, Assab und Zeila find als supponirte Ausgangspunkte etwaiger Handelswege nach Abessinien oder Schoa in neuester Zeit vielfach Gegenstände lebhafter europäischer Begehrlichkeit geworden, obgleich jene Wege erst geschaffen werden sollen.

Es ist in Aegypten im Vergleich zu anderen afrikanischen Ländern Vieles für die Verkehrserleichterung geschehen. Die natürliche Verkehrsader, der Nil, hat ohne Beihülfe des Menschen als Wasserstraße nicht viel geleistet, denn bei niedrigem Wasserstande ist der Fluß voller Sandbänke und Untiefen, und seine Schiffbar­keit überhaupt erstreckt sich vom Mittelmeer nur bis zur ersten Katarakte bei Assuan. Südlich von diesem Hinderniß, das wenigstens von den Nilbarken über­wunden werden kann, bleibt das Strombett zwar felsenfrei bis Wadi Halfa, doch hier versperrt die ausgedehnte zweite Katarakte das Strombett vollständig, und noch weiter stromaufwärts macht, besonders in Dongola, eine ganze Reihe

0 Dies ist inzwischen geschehen, indem Massawa seit 1885 in italienischem Besitz ist.

Die Redaction derDeutschen Rundschau".