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Deutsche Rundschau.
zum Bewußtsein. Wie öde waren daneben die Tage daheim, und wenn er sich dann vergegenwärtigte, daß er sich innerhalb zehn Minuten an den Schreibtisch zu setzen und über die gehabten Eindrücke nach Holkenäs hin zu berichten habe, so erschrak er säst, weil er sühlte, wie schwer es sein würde, den rechten Ton dafür zu finden. Und doch war dieser Ton noch wichtiger als der Inhalt, da Christine zwischen den Zeilen zu lesen verstand.
Er überlegte noch, als es klopfte. „Herein." Und Frau Capitän Hansen trat ein, diesmal nicht die Mutter, sondern Brigitte, die Tochter. Er hatte sie seit dem Abend seiner Ankunft kaum wiedergesehen, aber ihr Bild war er nicht los geworden, selbst nicht in den Gesprächen mit Ebba. Brigittens Erscheinung in diesem Augenblicke verrieth eine gewisse herabgestimmte Grandezza, darin das Hochgefühl dem Gefühl ihrer Macht und Schönheit, das Herabgestimmte der Einsicht ihrer bescheidenen Lebensstellung entstammte, bescheiden wenigstens so lange der Graf der Miether ihres Hauses war. Ohne mehr als einen kurzen Morgengruß zu bieten, schritt sie gerade und aufrecht und beinaht statuarisch bis an den Tisch heran und begann hier das Frühstücksservice zw sammenzuschieben, während sie das mitgebrachte große Tablett, die Brust damd bedeckend, noch immer in ihrer Linken hielt. Holk seinerseits hatte sich inzwischer von seinem Fensterplatz erhoben und ging ihr entgegen, um ihr freundlich di Hand zu reichen.
„Seien Sie mir willkommen, liebe Frau Hansen, und wenn Ihre Zeit e- zuläßt . . und dabei wies er mit verbindlicher Handbewegung auf einei Stuhl, während er selbst an seinen Fensterplatz zurückkehrte. Die junge Fra« blieb aber, das japanische Tablett nach wie vor schildartig vorhaltend, ai ihrer Stelle stehen und sah ruhig und ohne jeden Ausdruck von Verlegenheit nac dem Grafen hinüber, von dem sie sichtlich ein weiteres Wort erwartete. Dieser konnte nicht entgehen. Wie berechnet Alles in ihrer Haltung war, vor Allem auc in ihrer Kleidung. Sie trug dasselbe Hauscostüm, das sie schon am erste Abend getragen hatte, weit und bequem, nicht Manschetten, nicht Halskragei aber nur deshalb nicht, weil all' dergleichen die Wirkung ihrer selbst nu gemindert hätte. Denn gerade ihr Hals war von besonderer Schönheit un hatte, so zu sagen, einen Teint für sich. Dieselbe Berechnung zeigte sich in a und jedem. Ihre weite Schoßjacke mit losem Gürtel von gleichem Stoff schic ohne Schnitt und Form, aber auch nur, um ihre eigenen Formen desto deu licher zu zeigen. In ihrer Gesammterscheinung war sie das Bild einer schön« Holländerin, und unwillkürlich sah Holk nach ihren Schläfen, ob er nicht d herkömmlichen Goldplatten daran entdecke.
„Sie ziehen vor," nahm er, als sie seinem Blick unausgesetzt begegnete, Wied das Wort, „Sie ziehen vor, sich nicht zu setzen und in ganzer Figur zu bleibe und Sie wissen sehr Wohl, meine schöne Frau Brigitte, was Sie dabei thu Wirklich, wenn ich bei Gelegenheit der Reise von Shanghai nach Bangkok - von der mir Ihre Frau Mutter gestern erzählte — der Kaiser von Siam c Wesen wäre, so wäre das mit dem Thronsessel vor dem Palast alles sehr andc angeordnet worden, und Sie hätten, statt zu sitzen, was nie kleidet, neben dc Thronsessel gestanden und nur Ihren Arm aus die Weiße Elsenbeinlehne gelehi