Unwiederbringlich.
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auch noch lange nicht wieder zurück, ja, wenn sie das Alles so bedenke und daß Brigitte doch ernstlich krank werden und aus dieser Zeitlichkeit scheiden könne, da wolle sie doch lieber gleich selber sterben. „Und was ist es denn auch am Ende? wenn man Fünfzig ist und Wittwe dazu, ja, Herr Graf (und sie trocknete sich eine Thräne), was hat man da noch vom Leben? Je früher es kommt, desto besser. Armuth ist nicht das Schlimmste, schlimmer ist Einsamkeit, immer einsam und ohne Liebe..." Holk, den diese Sentimentalität amüsirte, bestätigte selbstverständlich Alles. „Ja Wohl, liebe Frau Hansen, es ist ganz so, wie Sie sagen. Aber Sie dürfen es nicht so schwer nehmen. Ein bischen Liebe findet sich immer noch."
Sie sah ihn von der Seite her an und freute sich seines Verständnisses.
Am anderen Tage war Holk wieder in Dienst, was am Hofe der Prinzessin nicht viel besagen wollte. Die fast Siebzigjährige, die — darin noch ganz das Kind des vorigen Jahrhunderts — immer spät zur Ruhe ging und noch später aufstand, erschien nie vor Mittag in ihren Empfangsräumen; die Kammerherren vom Dienst hatten also bis dahin nichts Anderes zu thun, als im Vorzimmer zu warten. Da wurden denn Zeitungen gelesen, auch Wohl Briefe geschrieben, und wenn, lange vor Sichtbarwerden der Prinzessin, der Kammerdiener ein gut arrangirtes Frühstück brachte, so rückte Pentz in die tiefe, mit einem kleinen Divan in Huseisensorm halb ausgefüllte Fensternische, wo sich dann Holk oder Erichsen ihm gesellte. So war es auch heute, und als man von dem Sherry genippt, und Pentz, natürlich Gourmand, ein sehr anerkennendes Wort über die Sardinen geäußert hatte, sagte Holk: „Ja, vorzüglich. Und doch, lieber Pentz, ich möchte heute, wenn es geht, etwas Anderes von Ihnen hören als kulinarisches oder Frühstückliches. Ich hatte mir schon gestern ein paar Fragen an Sie vorgenommen, aber die beiden Kampshähne nehmen Sie ja ganz in Anspruch. Worsaae war übrigens wirklich sehr amüsant. Und dann mußt' ich mir auch sagen, wer so glänzender Wirth ist wie Sie, der ist eben Wirth und nichts weiter und hat nicht Zeit zu Privatgesprächen in einer verschwiegenen Ecke."
„Sehr liebenswürdig, lieber Holk. Ich habe mich nicht recht um Sie gekümmert, und anstatt mir einen Vorwurf daraus zu machen, machen Sie mir Elogen über meine Wirklichkeit. Uebrigens muß ich Ihnen bekennen, wenn ich gestern um ein Privatgefpräch mit Ihnen, und noch dazu, wenn ich recht gehört, „um ein Privatgespräch in einer verschwiegenen Ecke" gekommen bin, so verwünsche ich alle Repräsentationstugenden, die Sie mir gütigst zudictiren. „In einer verschwiegenen Ecke" — da darf man Etwas erwarten, was jenseits des Gewöhnlichen liegt."
„Ich bin darüber doch selbst im Zweifel.' Aus den ersten Blick ist es jedenfalls 'was sehr Gewöhnliches und betrifft ein Thema, das schon glenh am ersten Abend zwischen uns verhandelt wurde. Hab' ich dann aber wieder gegenwärtig, wie sich Alles in der Sache so mysteriös verschleiert, so hört es doch auch wieder auf, was Alltägliches und Triviales zu sein. Kurzum, ich weiß selber nicht recht, wie's steht, ausgenommen, daß ich neugierig bin, und nun sagen Sie mir, was ist es mit den zwei Frauen, Mutter und Tochter?"
Deutschs Rundschau. XVII, 6.
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