Heft 
(1894) 81
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Deutsche Rundschau.

Was wir in unserer Jugend als Fertiges ausgenommen, und was wir durch weiteres Interesse und Uebung erworben haben. Jnteressirt uns ein complicirtes Musikstück aus irgend einem Grunde, ohne daß wir es gleich in dem oben genannten Sinneverstehen", und treibt es uns dann, es genauer zu studiren, die Rhythmen zu zergliedern, ihren Zusammenhang zu erfassen, so gewinnen wir oft noch große Freude an einer Musik, die wir Anfangs nichtverstanden". Zuweilen finden wir das Verständniß nicht selbst, sondern es muß uns von Anderen erschlossen werden.

Wer über die elementare Bedeutung der Rhythmen und der Takteintheilung für das, was wir heutzutageMusik" nennen, noch im Unklaren sein sollte, möge sich vergegenwärtigen, daß das reizvolle Zusammenwirken mehrerer Stimmen oder mehrerer Instrumente mit einander ohne Rhythmus und Takt­eintheilung überhaupt undenkbar ist.

Weit mehr Interesse als der Untersuchung über die eigentlichen Quellen des Rhythmus in der Organisation des menschlichen Körpers hat man der Wirkung zugewandt, welche verschiedene Rhythmen auf die Hervorrnfung gewisser Empfindungen und Vorstellungen ausüben. Dieser Vorgang erfolgt in verschiedener Weife. Es kann ein gehörter Rhythmus oder eine gesehene rhythmische Bewegung uns direct zu Mitbewegungen anregen: wir fangen z. B. an, bei dem Hören von Musik mit der Hand den Takt zu schlagen, oder Wir fühlen uns veranlaßt, eine rhythmische Bewegung, die Andere machen, mit­zumachen. Die gleichen Erregungsquellen können aber auch durch Association Vorstellungen wachrufen, welche früher einmal durch oder mit dem wahr­genommenen Rhythmus in uns deponirt wurden, z. B. die Erinnerung an einen fröhlichen Tanz oder ein Begräbniß bei dem Hören einer Tanz- oder Begräbnißmusik. Ja, es können diese Erinnerungsbilder durch weitere Asso­ciation uns sogar Vorstellungen von bestimmten Personen ins Gedächtniß rufen, die wir bei dem Tanz oder bei dem Begräbniß sahen; oder wir sehen mit einmal eine bestimmte Landschaft oder einen Raum, ein Zimmer, eine Kirche mit allem Detail vor unserem Geist erscheinen, und werden von den gleichen Empfindungen ergriffen, Welche uns erfüllten, als wir ähnliche Musik mit gleichem Rhythmus zuerst wahrnahmen u. s. w.

Der Rhythmus kann aber auch einen fördernden oder hemmenden Einfluß auf den psychischen Bewegungszustand (Stimmung) ausüben, in welchem wir uns momentan befinden.

Ein munterer sich leicht bewegender Rhythmus kann uns, wenn wir heiter gestimmt sind, sehr willkommen sein, indem er unsere Heiterkeit steigert, vielleicht bis zur Ausgelassenheit. Ein langsam dahinströmender Rhythmus kann uns in solcher Stimmung vielleicht unmittelbar unsympathisch berühren, kann uns aber auch aus einem Zustande höchster Aufregung allmälig heraus- sühren, uns sänftigen und ruhig zufrieden stimmen. Hier dürfen wir Wohl die Frage nicht umgehen, ob die rhythmische Bewegung als solche etwas auszudrücken (mitzutheilen) vermag, da dies wesentlich mit der Frage zu­sammenhängt, ob die Musik (ohne Worte) etwas auszudrücken im Stande ist. Dies ist zweifellos bis zu einem gewissen Grade möglich, lieber die Be-