Heft 
(1894) 81
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Wer ist musikalisch?

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deutung und hohe Entwicklungsfähigkeit der Körperbewegungen zu einer Ge­bärdensprache bei Thier und Mensch überhaupt brauche ich ja keine Worte zu verlieren. Es handelt sich hier nur darum, ob speciell durch Art und Folge, durch Schnelligkeit oder Langsamkeit rhythmischer Bewegungen seelische Bewegungen gewissermaßen nachgeahmt, also ausgedrückt werden können. Auch daran ist keinen Moment zu zweifeln. Ein gravitätischer Gang, ein behag­liches Dahinschlendern, ein Laufen, ein Springen, ein rhythmisches Klatschen mit den Händen und ähnliche rhythmische Bewegungen können sehr Wohl ab­sichtslos als Mitbewegungen von langsamen, schnellen rc. psychischen Bewegungen und in diesem Sinne als Ausdruck derselben auftreten, vielleicht sogar den seelischen Vorgang Wider Absicht des sich Bewegenden verrathen; ja, wenn dies in einer bestimmten uns bekannten Situation des Beobachteten vorkommt, uns selbst über den Ausgang eines Ereignisses in Kenntniß setzen. Noch viel ausgedehnter kann eine rhythmische Gebärdensprache verwendet werden, wenn die Bedeutung der verschiedenen rhythmischen Gebärden vorher durch Convention festgesetzt wird. Dadurch kann eine solche rhythmische Gebärdensprache gewiß einen hohen Grad der Ausdrucksfähigkeit erreichen. Ohne eine solche Con­vention wird sie stets ein beschränktes Ausdrucksmittel für den Menschen bleiben.

Wir sind mit diesen Betrachtungen schon aus dem Gebiet des Physio­logischen herausgetreten, in welchem wir nur einige wenige, wenn auch wichtige Beziehungen zum Rhythmus vorfanden.

Dadurch, daß das aufmerksame Verfolgen von rhythmischen Gehörs- und Gesichtswahrnehmungen und die rhythmische Bewegung des eigenen Körpers den meisten Menschen mehr oder weniger Vergnügen bereitet, wird der Rhyth­mus zu einem wichtigen ästhetischen, zumal musikalischen Element. Wir können ihn mit drei Sinnen zugleich wahrnehmen: wir können ihn hören, sehen und in unseren Muskeln fühlen. Erfolgt die Einwirkung von allen drei Sinnen her zugleich, so ist der größte Theil unseres Nerven­systems davon in Anspruch genommen; daher die mächtige Wirkung aus unseren ganzen Organismus *).

Es erübrigt noch, von dem sogenannten ruhenden Rhythmus zu sprechen. Als solcher erscheint uns die Symmetrie, diese Gliederung des Raumes, wie der bewegte Rhythmus Gliederung der Zeit ist. Die Vor­stellung derSymmetrie" hängt wesentlich mit der Empfindung und Vor­stellung vonGleichgewicht" zusammen. Wir besitzen (auch viele Thiere) ein durch die interessanten Arbeiten von Goltz und Breuer uns näher bekannt ge­wordenesGleichgewichtsorgan" in den halbcirkelförmigen Canälen des inneren Ohres; sie sind der Sitz des spezifischen Gleichgewichtsgefühls, durch welches wir stets in Kenntniß über die Gleichgewichtslage unseres Körpers, zumal unseres Kopfes erhalten werden. Wir sind uns aber des Besitzes dieses eigen-

Auch diese Beziehung des Rhythmus zu mehreren Sinnen zugleich ist schon von Aristides angeführt (Westphal, Griechische Rhythmik, S. 47).