96
Deutsche Rundschau.
thürnlichen Sinnes so wenig bewußt, daß es mindestens sehr zweiselhaft ist, ob wir denselben praktisch sür andere Wahrnehmungen, z. B. des Gesichts- und Gehörssinnes wirklich verwerthen. Sollte dies der Fall sein, so würde es ganz unbewußt geschehen. Zum Theil beruht die Vorstellung der Symmetrie und des Gleichgewichts aus instinctiver Anlage. Ein Storch wird sein breites Nest auf einem Strohdach oder einem hohen Baum immer so bauen, daß es von unten her nach allen Seiten genügende Unterstützung hat, um zu verhindern, daß die Störchin eventuell mit ihrer unruhigen jungen Familie Gefahr läuft, sammt dem Neste herunterzustürzen. Dasselbe gilt von dem Bau vieler Vogelnester, deren symmetrische Abrundung oder Röhrenbildung immer aufs Neue unsere Bewunderung erweckt. Auch ein Theil der Biberbehausungen ist von regelmäßiger, außen gewölbartiger, bienenkorbähnlicher Construction. Und was sollen wir erst von den Nestern der Wespen- und Bienencolonien, und gar von manchen Spinngeweben sagen, welche an Regelmäßigkeit den künstlerischen Schöpfungen der geschicktesten Weber Concurrenz machen. Der Mensch besitzt einen solchen Jnstinct nicht; er kommt durch Gesichtsbeobachtnng und durch Erfahrung zu den Vorstellungen von Symmetrie und zur Vorahnung statischer Gesetze. In Berg- und Hügelformen bietet sich wenig in dieser Beziehung sür ihn Brauchbares. Die Bergformen sind meist unregelmäßig. Mehr Symmetrie bieten die Formen des Pflanzenreiches, insbesondere Tannen und andere Coniseren; auch große Buchen zeigen häufig einen symmetrischen Bau: einen geraden Stamm in der Mitte, von welchem sich nach allen Richtungen hin gleich lange Aeste ausbreiten. Der Bau der Thiere, welche theils als Objecte der Jagd, theils als gezähmte, als Hausthiere die Aufmerksamkeit des Menschen fesseln, prägt sich ihm vor Allem ein und führt ihn unter Anderem auch zu dem Begriff von symmetrischem Bau. Wie der Vierfüßler, sei es von der Seite, sei es von vorn gesehen, dasteht, wie er sich langsam oder schnell rhythmisch bewegt, immer im Gleichgewicht bleibend; — die gleiche Länge der Beine, im Gesicht die beiden gleichstehenden Augen, die beiden gleichstehenden Ohren am Kops; — dann die Beobachtung der anderen Menschen, die gleichlangen Arme, die gleichen Hände, — dann das Fallen bei gewissen Stellungen u. s. w.: das Alles muß im Urmenschen, und zum Theil auch bei höher entwickelten Thieren die Vorstellung des Gleichgewichts und der Symmetrie zur Entwicklung bringen. Dann gar, wenn der Mensch ansängt, sich Behausungen zu bauen, zuerst auf Bäumen, dann in die Erde, endlich auf dem Boden oder ins Wasser hinein (Pfahlbauten). Es muß sich die Erfahrung herausbilden, daß zwei schräg an einander gelegte Baumstämme stehen bleiben, ohne umzufallen, ferner, daß zwei Balken mit unten fußartig anhaftenden Stücken, oder in die Erde getrieben, gleich zwei Beinen eines von vorne gesehenen Thieres stehen bleiben, und daß ihr Stand ein noch sicherer Wird, wenn ein Querbalken darüber fixirt ist. So kommt der Mensch durch Probiren und Erfahrung zur Empfindung von statischen Gesetzen. Die symmetrisch runden Formen werden ihm durch den Anblick des Mondes, dann des menschlichen Schädels geläufig. So denke ich mir, ist der Begriff des Symmetrischen, des ruhenden Rhythmus, im Menschen entstanden. Wie sich derselbe bei der