Heft 
(1894) 81
Seite
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Deutsche Rundschau.

Wirklichkeit unseren Vorstellungen entspricht. Unsere bisherige rosige Stimmung macht manchmal recht bedenklichem Mißmuthe Platz. Erst wenn wir uns in die gänzlich veränderte Lage gesunden haben, erlangt allmälig das Pendel unserer Empfindung das Gleichgewicht wieder. Erst dann vermögen wir in der neuen uns umgebenden Welt die Dinge zu sehen, wie sie sind, und suchen nicht mehr das, was wir uns ausmalten. Unseren Mitmenschen gegenüber, welche nicht in die Lage gekommen find, derartige Expeditionen auszuführen, erscheinen wir uns selbst auf einem höheren Standpunkt. Tatsächlich nehmen wir auch einen solchen ein, er hebt uns weit über das Mittelmaß hinaus; denn was wir er­streben, ist ebenso außergewöhnlich, wie die Mittel es sind, deren wir uns fortan zu bedienen haben. Das macht, daß wir auch bald Alles von höherem Gesichtspunkte aus erfassen, aber auch, daß das Interesse an außerhalb des Rahmens unserer neuen Thätigkeit liegenden Vorgängen immer mehr schwindet. Im Lause der Jahre kann es sogar kommen, daß selbst Familienangelegenheiten unsere Antheilnahme nur wenig mehr zu erwecken vermögen. Zum Theil ist daran die mangelhafte Verbindung mit der Außenwelt bei Forschungsreisen schuld. Politische Ereignisse vermögen wir nicht mehr im Zusammenhang zu verfolgen, lieber Kunst und Wissenschaft werden wir aus Zeitungen thatsächlich nur andeutungsweise unterrichtet, und die nothwendige Anschauung ist aus­geschlossen. Tagesblätter, welche der Reisende nach monatelanger Unterbrechung erhalten hat, werden ihm ein Lächeln abgewinnen, wenn er z. B. liest, daß sich Herr Müller oder Schulze bei Glatteis den Arm verstaucht haben, während er selbst vielleicht schon viele Male nur knapp dem Tode entronnen ist oder die schwierigsten Situationen bemeiftert hat.

Ein großer Unterschied zwischen dem Leben in der bisher gewohnten Umgebung und der neuen macht sich insofern besonders bemerkbar, als es den Anschein hat, daß sich die Ereignisse alle weit einfacher abwickeln. Dieser Eindruck wird dadurch hervorgerusen, daß sich bei einer weit geringeren Be­völkerung wie daheim Alles aus viel größerem Raum abspielt. Bei uns werden immer bei Eintritt eines bedeutenden oder unbedeutenden Ereignisses große Kreise in Mitleidenschaft gezogen; wir sind deshalb gewohnt, Alles in Beziehung auf den Nachbar zu beurtheilen. Die tausenderlei Rücksichten, Welche wir aus den lieben oder unlieben Mitmenschen zu nehmen haben, fallen aber in Afrika, überhaupt in uncivilisirten Ländern, ganz weg. Dort spielt sich Alles gewissermaßen gesondert ab.

Leicht aber findet sich der Europäer nicht in die veränderte Lage. Es dauert lange, bis er seine gewohnte Umständlichkeit in dieser Richtung des Denkens abgelegt hat. Viel hängt für das Gelingen solcher Unternehmungen davon ab, daß der Europäer die Fähigkeit des Geistes besitzt, sich der neuen Lage anzupassen. Dies wird um so schneller erreicht, je stärker man die fremden Eindrücke auf das subjective Empfinden einwirken läßt. Dies hat übrigens Gültigkeit nicht allein den Menschen, sondern auch der Natur gegen­über. Die sich immer wieder ausdrängenden Vergleiche mit gewohnten Zu­ständen in der Culturwelt erzeugen schließlich, bei der engeren Berührung mit der Natur, einen so hohen Grad von Unbefangenheit, wie ihn der stets