Aus den Tagebüchern Theodor von Bernhardi's. 299
Oldenburger), namentlich aber die der vor Allen Betheiligten, der schles- wigschen und holsteinischen Stände, nicht geschafft und nachgewiesen hat.
Ich werfe nur dazwischen, Manteuffel's Politik sei auch mir immer sehr verwerflich erschienen — und darum nicht weniger, weil die Schuld, das Londoner Protocoll angenommen zu haben, zum großen Theil den verstorbenen König selber treffe, der in seiner llnberechenbarkeit in dem seltsamen Wahn lebte, Preußen verliere seine Großmachtstellung, wenn seine Signatur nicht unter dem unseligen Protocoll stehe, — Wie dem aber auch sei, „jetzt kann es sich doch nur darum handeln, wie wir von dem Londoner Protocoll loskommen; daß wir davon loskommen müssen, versteht sich von selbst und ist keine Frage."
Roon stimmt dem bei, vollkommen und unbedingt; da urgire ich die Hinfälligkeit desselben Protocolls nicht weiter, und um so weniger, da ich zugleich gewahre, daß Roon den Werth dieses Protocolls in der That nicht höher anschlägt, als es verdient. Das Protocoll wird nur vorgewendet, der eigentliche Grund der Scheu und des Zauderns ist ein ganz anderer: er liegt in der Besorgniß vor einem unberechenbaren Conslict, in den man gerathen könnte, und dem man dann nicht gewachsen wäre.
Roon sagt nämlich: man müsse sehr vorsichtig zu Werke gehen und sich hüten, keine Uebereilung zu begehen, denn man könnte sonst in eine sehr bedenkliche Lage kommen. Die Aufgabe in Holstein sei, der örtlichen Schwierigkeiten wegen, nicht so ganz leicht zu lösen; der Krieg dort werde immerhin bis 70 000 Mann in Anspruch nehmen; wenn wir nun zwei Armeecorps in Holstein haben, und ein Krieg am Rhein dazu kommt, dann müssen wir erwarten, daß „unsere angenehmen Freunde an der Donau" sich „über Nacht" mit Frankreich verbinden: — dann haben wir einen dreifachen Krieg; nach drei Seiten zugleich—: sind wir dem gewachsen? — Diese Besorgniß herrscht besonders an maßgebender Stelle (also beim König, wie ich natürlich verstehen soll).
Ich verweise auf Nigra's Mittheilungen und die neuesten Kundgebungen in Oesterreich, um darzuthun, daß eine solche Gefahr in der That nicht zu besorgen ist. Die Kombination, die Napoleon III. jetzt im Sinne hat, das Bündniß mit Rußland, wird allerdings nicht zu Stande kommen, das glaube ich mit Bestimmtheit Vorhersagen zu können. Napoleon III. hat diesen Plan Wohl überhaupt nur fassen können, weil ihm der slawische Osten von Europa durchaus unbekannt ist, weil er die bodenlose Unvernunft und Unzuverlässigkeit der Polen so wenig kennt, als das stolze Selbstgefühl des Russen dem Polen gegenüber. Die Vorbedingung eines solchen Bündnisses wird nicht zu erlangen sein; Napoleon III. müßte, um die öffentliche Meinung in Frankreich zu beruhigen, von der russischen Regierung irgend eine Concession für Polen erlangen —: die ist aber unmöglich, und an dieser Unmöglichkeit wird der ganze Plan scheitern. Einstweilen aber ist man darüber, wie gesagt, in Oesterreich in großer Angst — und in Folge dessen ist Oesterreich in diesem Augenblick sehr wohlfeil zu haben; wenn wir ihnen ein Bündniß aus einige Jahre anbieten, ihnen den gegenwärtigen Besitzstand nur auf wenige