Heft 
(1894) 81
Seite
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Deutsche Rundschau.

erobertem resp. erworbenem Gebiete die ersten baulichen Anlagen an der Stätte von Van erfolgt. Die Hauptstadt, der Sitz des Gottes Chaldis, wurde sicher nicht ohne bestimmte Absicht in den für einen assyrischen Angriff zuletzt und am schwersten erreichbaren Theil des Vansee-Gebietes verlegt.

lieber demjenigen Viertel der Stadt, das heutzutage von dem türkischen Theile der Bevölkerung bewohnt wird, erhebt sich im Norden ein steiler, isolirter Felskegel, der für sortisicatorische Anlagen besonders geeignet er­scheint. Heut trägt er die Citadelle von Van, im 9. Jahrhundert v. Chr. hat dort vielleicht schon Sardur I., Lutipris' Sohn, der erste chaldische König, von dem uns Inschriften erhalten sind Befestigungen anzulegen be­gonnen, die dann von seinen Nachfolgern, Jspuinis (in den Inschriften des Assyrerkönigs Samsi-Ramman als lispina genannt) und dessen schon bei Lebzeiten des Vaters zur Mitregentschaft berufenen Sohne Menuas fort­gesetzt wären. Erst Menuas aber kann als Gründer der eigentlichen Stadt Van angesehen werden. Denn ehe in der Ebene, unfern des Burgberges, eine städtische Ansiedlung erstehen konnte, mußte, da größere Flußläufe und Quellen fehlten, und da auch das Wasser des Van-Sees, seines Salzgehaltes wegen, außer Betracht lag, für eine genügende Zuführung von Wasser gesorgt werden.

Diese Ausgabe wurde von Menuas in einer wahrhaft großartigen Weise gelöst. Die großen Reservoirs und die Canalisationsanlagen der Aeghpter wie der Babylonier, der Mörissee, das Becken von Sippar erregten das Staunen und die Bewunderung des Alterthums; der König Chammurabi, der Schöpfer des großbabylonischen Reiches (gegen Ende des dritten vorchrist­lichen Jahrtausends), bezeichnet den nach ihm benannten Chammurabi-Canal stolz als denSegen der Menschen": der Menuas-Canal steht an Schwierig­keit der Herstellung hinter diesen bedeutenden Leistungen auf dem Gebiete des Wasserbaues nicht zurück; an Nutzen und Dauerbarkeit hat er sie bei Weitem übertroffen, da er seine ursprüngliche Bestimmung zum Theil noch heute erfüllt.

Der Canal, über welchen zuverlässige Nachrichten erst durch Belck in die Oeffentlichkeit gebracht sind, hat, die Krümmungen eingerechnet, eine Länge von 7580 Kilometern.Die Quelle, welche den Canal speist, entspringt am Fuße einer felsigen Bergkette von mehreren hundert Metern relativer Höhe, welche die südliche Grenze des Haiozzor genannten unteren K o s ch a b - thales bildet, etwa 1,5 Kilometer vom Kurdendorseoberes Meschingert" ent­fernt. Dort sprudelt die sehr starke und außerordentlich kohlensäurereiche Quelle aus vielen Felsspalten hervor und strömt gleich daraus mit starkem Fall über felsigen Boden hinweg. Die Quelle floß vor Erbauung des Canals auf direktestem Wege nach Norden in den nur etwa 5 Kilometer entfernten Koschabfluß; das alte Bett ist auch heute noch fast überall deutlich erkennbar und wird theilweise von den Dorfbewohnern als Rinne für abgezweigte kleinere Canäle benutzt.

König Menuas ließ nun die Quelle unmittelbar an ihrem Austritt ab- fangen, leitete sie zunächst zum oberen Meschingert, wo sich in alten Zeiten nach der Ueberlieserung der Armenier eine größere Stadt befunden haben soll,