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Deutsche Rundschau.
Mühlen angelegt wurde. Noch heutzutage liefert der Canal einem großen Theile der im Haiozzor belegenen zweiundvierzig Dörfer das für die Felder und Gärten unentbehrliche Beriefelungswasfer, und von den mehr als vierzig Mühlen, die noch im Laufe nuferes Jahrhunderts, ehe die Kurden in das Haiozzor eindrangen, vorhanden waren, sind zwanzig noch jetzt im Betriebe. Von dem culturfeindlichen Wirken der Kurden legen die Ruinen der übrigen Mühlenanlagen beredtes Zeugniß ab.
Die nicht unbedeutenden trigonometrischen und technischen Kenntnisse, die nothwendig find, um einen derartigen großen Wasserbau zu planen und auszuführen, sind, wie die Schrift und sicher die übrigen wesentlichen Elemente der in Babylon wurzelnden vorderasiatischen Cultur, von den Asshrern zu den Chaldern gelangt.
Eine dunkle Erinnerung an einen derartigen Zusammenhang hat sich bis aus den heutigen Tag in der Tradition der Armenier erhalten. Sie betrachten den Canal als Werk der Assyrerin Semiramis, und auch die Stadt Van bezeichnen sie als Schamiramagert („Stadt der Semiramis").
lieber die Anlage dieses Semiramis - Canals (Schamiramsue) durch die Assyrerin weiß auch Moses von Chorene in seiner Urgeschichte Armeniens Näheres zu berichten. Obgleich er keinen Zweifel darüber aufkommen läßt, daß er den Canal nicht selbst gesehen hat, also, sei es zeitgenössischen Mittheilungen, sei es der Tradition oder älteren Berichten folgt, so stimmt seine Beschreibung ganz ausgezeichnet zu dem heutigen Befunde.
Daß der beschriebene großartige Aquäduct ein Werk des Menuas ist, lehren zahlreiche Inschriften, die den Canal in seinem Lause begleiten. Sie sind theils aus den zu seinem Bau verwendeten Steinen, theils auf Felsblöcken oder Felswänden in dessen Nachbarschaft angebracht und, wie es scheint, namentlich da, wo der Bau mit Schwierigkeiten verknüpft war. So sind sie z. B. sehr zahlreich in der Gegend von Artamid, wo Belck und, theils mit ihm zusammen, theils nachher, Konsul Devey neun Inschriften in einem gegenseitigen Abstand von höchstens 50—100, zum Theil nur von zehn Metern ausgesunden haben.
Diese Inschriften nehmen in der Hauptsache folgenden Verlauf: „Menuas (folgen die Titel), der mächtige König, hat diesen Mi erbaut, Menuaipili ist sein Name". Es ist klar, daß sich Mil hier nur aus den Canal beziehen kann, den der König, sein Erbauer, stolz mit seinem Namen belegt. ?ili heißt also Canal, Aqäduct. Das konnte aber nur erkannt werden dadurch, daß genaue Angaben über den Standort der Inschriften von Belck gemacht wurden. Anderenfalls hätte man wahrscheinlich, auch wenn Kopien von zehn und mehr Inschriften dieses Wortlauts ohne solche Angaben nach Europa gesandt worden wären, die Uebersetzung beibehalten, mit der man sich bei dem einen, schon früher bekannten Exemplar dieser Jnschriftengruppe begnügte, nämlich: „Menuas hat diese Inschrift gesetzt; Menuas-Inschrift ist ihr Name" — obgleich man billig hätte einsehen müssen, daß vernünftiger Weise der König nicht eine Inschrift (geschweige denn mehrere), die von vornherein ausdrücklich als von ihm herrührend bezeichnet waren, noch besonders mit dem