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Deutsche Rundschau.
hätten die Chalder allein die Berechtigung gewonnen, ihrem Gott und dem Könige, seinem Stellvertreter, den Titel „Herr der Welt, König der Welt" beizulegen, den sie schon zu Beginn des großen Kampfes den Assyrern streitig machten. Bald aber wendete sich das Blatt. Mit dem (biblischen) Tiglatpileser bestieg wieder ein thatkrästiger Herrscher den Thron Assyriens, der die Wiederherstellung der assyrischen Obmacht sich zur Ausgabe machte und durchsührte. Schon in seinem dritten Regierungsjahre (743) bringt er dem Heere Sardur's, das zum Entsatz der von Tiglatpileser belagerten syrischen Stadt Arpad herbei eilte, eine empfindliche Niederlage bei und löst dadurch die Bande sei es freiwilliger Bundesgenossenschaft, sei es erzwungener Botmäßigkeit, die die syrischen Kleinstaaten mit Armenien verknüpften. Nachdem diese dann in langwierigen und erfolgreichen Kämpfen Assyrien theils einverleibt, theils tributpflichtig gemacht waren, konnte Tiglatpileser den entscheidenden Schlag gegen Chaldia führen. Er drang bis in das Herz des Landes vor (735), und wenn auch die Burg aus dem „Citadellenberg" sich als uneinnehmbar erwies, die Anlage an dessen Fuß, die vom Menuascanal bewässerte Gartenstadt Tosp, wurde zerstört und blieb seither verlassen.
Weit entfernt aber, sich nunmehr etwa Assyrien zu unterwerfen, erwiesen sich die Chalder vielmehr in der Folge von einer bewundernswerthen That- kraft und Zähigkeit. Rusas I., in den assyrischen Inschriften meist als Ursa bezeichnet, war der erbittertste Gegner Sargon's II. von Assyrien, des zweiten Nachfolgers Tiglatpileser's. Erst nachdem von der großen Coalition, die er zu Schutz und Trutz gegen Assyrien zusammengebracht hatte und zusammenhielt, ein Glied nach dem anderen von den Assyrern geschlagen und ge- demüthigt War, und nachdem auch der letzte seiner Bundesgenossen, der König des stammverwandten Mußaßir, den Widerstand aufgegeben hatte, zog er den selbstgewählten Tod des freien Mannes dem Ende durch Feindeshand oder schmählicher Gefangenschaft vor.
Hatten die Assyrer etwa geglaubt, nunmehr in Armenien als unbestrittene Herren der Lage gelten zu können, so täuschten sie sich darin. Dem siegreichen Assyrerkönig machte noch des unglücklichen Rusas Sohn, Argistis II., ernstlich zu schaffen. Von der strengen Bewachung, welche die Urartäer unter Argistis II. in der Folge seitens der Assyrer erfahren, gibt uns der Bericht eines assyrischen Statthalters an den König Sanherib oder Sargon Kunde.
Daß wir die Chalder, wo immer möglich, auf Seiten der Gegner Assyriens und seiner geordneten Entwicklung finden, kann nicht Wunder nehmen. Die Mörder Sanherib's, seine eigenen Söhne, scheinen bei dem Kampfe gegen ihren Bruder Asarhaddon Unterstützung und Zuflucht in Armenien gefunden zu haben. Mit den Kimmeriern, den nordischen Barbaren indogermanischen Stammes, deren ersten Anprall gegen die Peripherie des assyrischen Reiches Asarhaddon vorläufig mit Erfolg, wenn auch mühsam zurückschlug, scheint, neuesten Veröffentlichungen gemäß, Rusas II., Argistis'II. Sohn, im Einvernehmen gestanden zu haben, und der erneute Aufschwung, den das Chalderreich in den folgenden Jahrzehnten genommen zu haben scheint, wird mit den Erschütterungen, die die assyrische Herrschaft schon