Heft 
(1894) 81
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Das vorarmenische Reich von Van.

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damals in Folge der Kimmeriereinfälle direct und mittelbar erlitt, in ursäch­lichen Zusammenhang zu bringen sein. Von Rusas' II. Nachfolger, Erimenas, wissen wir nichts Näheres. Mit den Gesandtschaften der Könige Rusas III., Erimenas' Sohn, und Sardur III. an Asurbanabal (um 655 und gegen 640) schließt, wie Eingangs erwähnt, unsere historische Kunde von dem vor­armenischen Reich der Chalder oder Urartäer. Der assyrische Bericht stellt diese Sendungen dar als hervorgerufen durch den Respect vor der Uebermacht Assur's und seines königlichen Vertreters, dessen Gunst nachzusuchen man sich beeilt habe. Es ist aller Grund zu der Annahme vorhanden, daß diese, wie sehr viel ähnlicheBegrüßungsgesandtschasten", keinen anderen Zweck hatte, als den, dem Asshrerkönige, nach einem bereits in ungleich älterer Zeit nachweis­baren, den heutigen diplomatischen Gewohnheiten entsprechenden Brauche, einen in dem gleichberechtigten Nachbarreiche erfolgten Thronwechsel zu notisiciren.

Wo aber haben wir uns in dieser Zeit, nachdem die von Menuas ge­gründete Ansiedlung von den Assyrern zerstört worden war, die Hauptstadt des Reiches, den Sitz des Gottes Chaldis zu denken?

Etwa vier Kilometer östlich von dem Citadellenberg von Van erhebt sich der Bergzug des Zemzemdagh, dessen westlicher Theil den Namen Toprak- kaleh (Erdfestung) führt. Aus dem Toprakkaleh sind vor einigen Jahren durch Ausgrabungen, welche die Engländer Vornahmen, die Ueberreste chaldischer Bauten zu Tage getreten. Sie haben eine reiche Ausbeute an Erzeugnissen chaldischer Gewerbthätigkeit, namentlich Metallarbeiten, geliefert, welche in verschiedenen europäischen Sammlungen Aufnahme gefunden haben. Der größte Theil befindet sich im Britischen Museum. Die Berliner Sammlung enthält u. A. eine Statuette, der Hauptsache nach aus theilweise stark ver­goldeter Bronce in zierlicher Arbeit gefertigt; das Gesicht besteht aus weißem Stein, der Halsschmuck war in eingelegten, kostbaren, jetzt ausgebrochenen Steinen hergestellt. Ferner besitzt sie Bestandtheile eines broncenen Thron­sessels in ähnlicher künstlerischer Arbeit und Ausstattung, dazu Theile vom Steinmosaik eines Fußbodens, silberne und broncene Armringe u. s. w. Unter den Fundstücken vom Toprakkaleh befinden sich in London wie in Berlin mehrere Weiheschilde aus Bronce, mit Thiersiguren in getriebener Arbeit ver­ziert. Aus assyrischen Reliefdarstellungen wissen wir, daß solche Weiheschilde am Eingang der chaldischen Tempel ausgehängt zu sein pflegten. Die stereotype Inschrift auf diesen Weiheschilden besagt in deutlichen Worten, daßRusas, Sohn des Erimenas, dem Chaldis, dem Herrn der Welt, diesen Tempel erbaut habe".

Auf dem Gipfel des Toprakkaleh-Felsens befand sich also zu Rusas' III. Zeiten der Haupttempel des Gottes Chaldis. Dieses prächtig ausgestattete Heiligthum aber bildete nur einen wesentlichen Bestandtheil einer großartigen, städtischen Anlage, die von einem der Könige Namens Rusas, also jedenfalls nachdem unter Rusas' I. Vater Alt-Tosp durch Tiglatpileser zerstört war, geschaffen worden ist. Ueber diese Neu grün düng der Hauptstadt des Chalder- reiches sind wir durch eine sehr merkwürdige Urkunde unterrichtet, über deren Lage und Auffindung ihr Entdecker, Herr Belck, wie folgt berichtet: