Heft 
(1894) 81
Seite
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Deutsche Rundschau.

Die Inschrift befindet sich in wilder Gebirgsgegend, circa 23 Werst östlich von Van und circa 6 Werst vom christlichen Dorfe Toni, in dem zwanzig Nestorianer- und zehn Armenier-Familien in friedlicher Gemeinschaft Hausen. Der Weg dorthin führt von Van aus allmälig ansteigend bis an den Fuß des steilen Warrakberges und dann an der Rückseite (Ostseite) desselben in einer Schlucht an einem kleinen Bächlein auswärts zunächst nach Toni, wobei wir an zwei großen, für die Gärten in Van von der Regierung an­gelegten Thalsperren vorbeikommen. Gleich hinter Toni nimmt das Land einen wilden, öden Charakter an, überall hohe, steil abfallende Gelände, sehr schmale Schluchten, in denen sich die Abhänge treffen, häufig genug ungeheure Kessel, Steinwände bildend, dabei fast ohne Vegetation. Nach etwa drei­viertelstündigem Ritt erblickt man vor sich den Keschisch Göll (Priester-See), eine künstliche Stauung für Regenwasser, die ebenfalls für die Gärten in Van angelegt worden ist; das sehr große Bassin enthielt (am Tage von Belck's Anwesenheit den 1. October 1891) gar kein Wasser. Nunmehr steigt man sogleich rechts den steilen, reichlich unter 45 Grad abfallenden Hang, an dessen Rande man schon seit längerer Zeit hingeritten ist, etwa 150 Meter hinab und bemerkt dann die Keilinschrift, welche sich noch etwa 3040 Meter über der Sohle der Schlucht befindet. Das Monument ist namentlich deshalb so interessant, weil es sich auch heute noch im Gegensätze zu sehr vielen sortbeweglichen Inschriften aus dem Platze befindet, wo es vor mehr als 2500 Jahren aufgestellt wurde, in eintöniger menschenleerer Gebirgsgegend, in der nie eine menschliche Niederlassung bestanden haben, noch je existiren kann, mitten aus einer außerordentlich steilen Berglehne, deren Ersteigung sehr schwer fällt, und aus einem sonst gar nicht weiter hergestellten oder geebneten Platze." Bis vor Kurzem hat das Monnment unverändert und unerschüttert seinen ursprünglichen Standort behauptet. Erst vor etwa vier Jahren haben die Dorfbewohner, die große Schätze unter ihm vermutheten, den schweren Schrist- stein aus dem Sockel herausgehoben und dann den Sockel selbst, einen ge­waltigen Felsblock von circa 4 Fuß Länge und Breite und circa 14/2 Fuß Dicke, einige Fuß von seinem ursprünglichen Standorte entfernt, so daß jetzt beide Steine neben einander liegen. Wahrscheinlich ist bei dieser Operation der fehlende obere Theil der Stele abgebrochen und in die Schlucht hinab­gestürzt. Nachforschungen nach diesem fehlenden Stücke sind im Gange, gleich­zeitig werden Vorbereitungen zu einem Versuche, den Stein zu wenden, getroffen. Vorderhand besitzen wir nur eine Copie der Inschrift, so weit sie den erhaltenen Theil der Vorderseite der Stele bedeckt.

Trotz dieser weiteren Erschwerungen ist es durch Belck's genaue Angaben über den Standort gelungen, den Inhalt des Documents der Hauptsache nach klarzulegen:

Belck's Bericht schloß mit den Worten:Falls das Monument nicht einen Grenzstein vorstellen soll, so hat es vielleicht auf den vor unvor­denklichen Zeiten angelegten Keschisch Göll Bezug, das würde wenigstens nach dem Ortsbefund das Wahrscheinlichste sein."

Diese Vermuthung hat sich vollauf bestätigt. Die Inschrift bietet aber noch ungleich reichhaltigere und wichtigere Nachrichten.