414
Deutsche Rundschau.
Lage ergebenden Abflußrinne als Spielerei, und Rusas hätte mit der Ausführung der Keschisch Göll-Leitung jedenfalls das Schnellere und Billigere gewählt. Das letztgenannte sehr wesentliche Merkmal traf auf keine der anderen Oertlichkeiten zu, die, von der inschriftlichen Beglaubigung abgesehen, allenfalls noch für die Rusas-Gründung hätten in Betracht kommen können.
Eine volle Bestätigung für die genannte Schlußfolgerung und Identification hat die topographische Untersuchung ergeben, welche auf unfern Wunsch Herr Ingenieur Sester an Ort und Stelle vorgenommen hat. Er theilt in einem Bericht vom Januar vorigen Jahres mit, daß er dem Abfluß des Keschisch Göll von seinem Austritt an zu Fuße nachgegangen sei und dabei gefunden habe, daß derselbe tatsächlich bis zum Fuße des Berges Toprakkaleh und auch noch weiter geleitet sei. Anderthalb Stunden oberhalb (d. h. östlich) vom Toprakkaleh wird das Wasser des Abflusses (nach Art der persischen Wasserleitungen) in unterirdische Canäle geleitet, die zu der am Fuße des Toprakkaleh belegenen heutigen Gartenstadt Van führen. Auf der Strecke vom Keschisch Göll bis zu diesem Punkte wird der Abfluß rechts noch durch fünf, links durch zwei kleinere und größere Zuflüsse verstärkt, die alle aus dem Warrak Dagh ihre Quelle haben. Im Hochsommer ist der Göll stets trocken gelegt. Aus Herrn Sester's Bericht geht ferner hervor, daß einer der Canäle, der vom Abfluß des Keschisch Göll gespeist wird, noch heutzutage um Toprakkaleh bis Van-Kaleh (d. i. die Citadelle mit dem Felsschloß) fließt, und zwar in offenem, nicht unterirdischem Lause. Derselbe ist aller Wahrscheinlichkeit nach identisch mit dem Bette des bereits erwähnten periodischen Flüßchens, das sich am Fuße des Toprakkaleh hinzieht, Lei Van in den See mündet und in der Rusas-Stele Alais genannt wird.
Von vornherein war anzunehmen, daß sich Rusas in seiner Stadt auch einen Palast gebaut habe. Dieser wäre am wahrscheinlichsten auf dem hochgelegenen Theile, auf der Burg der neuen Stadtanlage zu suchen gewesen. In der That nimmt der auf dem Toprakkaleh ausgegrabene Tempel nur einen verhältnißmäßig sehr kleinen Raum auf dem östlichsten Theile des schmalen, schwer zugänglichen Plateaus ein, während der ganze übrige Theil mit den Mauerüberresten eines umfangreichen, langgestreckten Gebäudes bedeckt war. Nun sind vor Kurzem in Russisch-Armenien zwei Inschriften, eine von Menuas, eine von Argistis anfgefunden worden, die folgenden Typus haben: „Menuas hat diesen Palast gebaut" („Palast" hier mit dem wohlbekannten Ideogramm geschrieben): „Menuachinili ist sein Name." Da die betreffenden Inschriften nichts weiter enthalten, als eben die Nachricht über den Palastbau, so ist klar, daß Nsuuaeüiuili nichts Anderes heißen kann, als Menuas-Palast: eül ist Suffix der Zugehörigkeit; in dem auch isolirt häufig vorkommenden, bisher gänzlich mißdeuteten Worte iuilich) lernen wir das chaldische Wort für „Großbau, Palast" kennen und können danach in den bisher bekannten Inschriften eine große Anzahl solcher königlicher Bauten Nachweisen; und auch in der Rusas-Stele finden wir, wie erwartet, tatsächlich die Nachricht von dem Bau eines „Rusachinili", eines Rusaspalastes.
Von welchem der drei Könige des Namens Rusas diese städtische Anlage hcrrührt, läßt sich, da der Anfang der Steleninschrift mit der Titulatur