Heft 
(1894) 81
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Das vorarmenische Reich von Van.

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und der patronymischen Bezeichnung des Königs fehlt, nicht mit voller Be­stimmtheit erkennen. Schien es anfangs das Nächstliegende, daß, wie der uns in seinen Resten erhaltene Tempel aus dem Toprakkaleh, auch der ganze städtische Komplex von Rusas III. herrührte, so hat sich inzwischen aus einer zuerst von Belck richtig gewürdigten Inschrift mit ziemlicher Sicherheit er­geben, daß ein Nen-Tosp bereits zu Rusas' II. Zeiten existirt haben muß. Danach muß es nunmehr als wahrscheinlich gelten, daß gleich der Nachfolger Sardur's ll., des Herrschers, der die Zerstörung der Chaldi-Stadt erleben mußte, Rusas I., der unermüdliche Gegner Sargon's, deren Neuanlage und Verlegung betrieben und ausgesührt hat. Als dann wieder friedliche Zeiten für die Chalder gekommen waren, hätte Rusas III. den damals erbauten Tempel, der die Spuren bedrängter Umstände in Anlage und Ausführung an sich tragen mochte, durch ein neues und prächtigeres Heiligthum ersetzt. Dazu stimmt aufs Beste der Umstand, daß, während die vorerwähnten Reste des Palastes auf den Toprakkaleh lediglich aus lufttrocknen Lehmziegeln bestehen, die Mauern des Tempels aus schön behauenen Quadersteinen erbaut sind.

Daß ferner bei der Anlage der neuen Stadt die Rücksicht aus die Zwecke der Verteidigung offenbar eine bedeutsame Rolle gespielt hat, spricht jedenfalls nicht gegen die Annahme einer Entstehung in jenen kriegerischen Zeiten. Der Grund nämlich, warum Rusas, wenn er überhaupt die Stadt Van neu zu besiedeln beschloß, seine Anlage in der Hauptsache nach Toprakkaleh ver­legte und nicht vielmehr an die Stelle der alten, von Tiglatpileser zerstörten Stadt, wird darin zu suchen sein, daß die frühere Gartenstadt etwa fünf Kilometer entfernt von der alten Burg, dem heutigen Citadellenberg, lag und liegen mußte, weil der Menuascanal mit seinen schließlich«: Veräste­lungen nur bis dorthin geführt werden konnte. Diese Entfernung war aber für eine wirksame Vertheidigung der Stadt von der Burg aus viel zu groß. Sie ermöglichte dem von Norden kommenden Feinde eine unbehelligte Um­gehung des Burgberges und einen Angriff aus die städtische Anlage von Nordosten her. Aus diesem Grunde und nicht aus diesem allein mußte es sich für die Chalder, die im klebrigen, wie noch aus Xenophon's Berichten zu erkennen ist, von den Höhen herab auf eine verhältnißmäßig recht be­trächtliche Entfernung dem anrückenden Feinde mit ihren Wurfgeschossen ge­fährlich zu werden wußten, darum handeln, einen näheren Zusammenschluß von Berg und Stadt zu erzielen. Den Menuascanal näher an den Burgberg zu leiten, war nicht möglich; so wurde als neuer Burgberg der Toprakkaleh gewählt, nachdem eine Zuführung von Wasser bis unmittelbar an dessen Fuß sich als thunlich erwiesen hatte.

Da durch Einbeziehung des Alcns in die Canalisationsanlage wenigstens ein Theil des Wassers auch bis an den Fuß des Citadellenberges geleitet werden konnte, so War eine sofortige oder spätere Ansiedlung auch im un­mittelbaren Schutze dieses Berges nicht ausgeschlossen.

Und das Bild, das wir somit von der Stadt des Rusas gewonnen haben, bietet Van noch heutzutage. Denn die circa 20 000 Seelen zählende armenische Bevölkerung bewohnt einzig und allein die sogenannte Gartenstadt Van, die