Heft 
(1894) 81
Seite
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Deutsche Rundschau.

am Fuße des Toprakkaleh-Felsens genau die Lage der einstigen Gartenstadt Rusas einnimmt, und die noch heutzutage wie jene durch den Abstuß des Rusas-Sees, des Keschisch Göll, bewässert wird. Die türkische Bevölkerung aber wohnt am Fuße desCitadellenberges, während die alte, von diesem einige Kilometer entsernte Gartenstadt des Menuas verlassen geblieben ist. Somit liegt uns in der Rusasstele zugleich die Urkunde über die im achten vor­christlichen Jahrhundert erfolgte Neugründung der heutigen Stadt Van vor. Einer so alten, im inschriftlichen Original erhaltenen Gründungsurkunde wird sich schwerlich eine der heute noch bewohnten Städte des vorderasiatisch­europäischen Culturkreises rühmen können.

War dergestalt bei den Chaldern die Wehrhaftigkeit nicht minder aus­gebildet, wie die Leistungsfähigkeit auf dem Gebiete baulicher, der Wohlfahrt der Gesammtheit dienender Anlagen, so wird die hier zu beobachtende gesunde Entwicklung begründet gewesen sein oder doch eine wesentliche Förderung ge­funden haben in der Concentration des Staatswesens auf theokratischer Grund­lage, welche unsere Chalder in einer geradezu paradigmatischen Vollkommenheit und Konsequenz durchgeführt zu haben scheinen. Der Hauptgott war Chaldis; alsChaldi-Gottheiten" oderChaldi-Kinder" wurden, wie es scheint, auch die übrigen Gottheiten (zusammenfassend) bezeichnet. Aber auch die gesammten Angehörigen des Volkes, das den Chaldis verehrte, galten als Kinder oder Angehörige der Chaldis, als Chalder. Für Chaldis und zu seiner Ehre geschahen alle Eroberungen, wurden alle Bauten und Anlagen ausgeführt, welche der Wohlfahrt der irdischen Chaldi-Angehörigen zu dienen bestimmt find. Die Hauptstadt Tufpa-Van, der Sitz des Gottes, ist die Chaldi-Stadt (Chaldina); befestigte Plätze, selbst wenn sie in recht weiter Entfernung Non der Hauptstadt angelegt werden, gelten alsThore" der Chaldi-Stadt. Das ganze Gebiet heißt Chaldia, dasChaldi-Land".

Es dürfte schwerlich ein weiterer Fall bekannt sein, in welchem die Idee der Theokratie eine derartige stricte, auch in den äußeren Formen erkennbare Durchführung erfahren hätte.

Dem Verständniß der Inschrift erwuchs aus dieser Erscheinung eine eigenthümliche Erschwerung. Man glaubte nämlich, daß überall, wo Chaldini,Angehörige der Chaldis", erwähnt wurden, von Göttern die Rede sei. Die Schwierigkeit liegt darin, daß der Name überall, ob er die Chaldigottheiten, oder die dem Chaldis zugehörigen Menschen bezeichnet, von dem Determinativ der Gottheit begleitet ist. Das ist auch bei dem Land und bei der Stadt der Fall, aber mit dem Unterschied, daß in der Composition das Wort, resp. das Suffix fürLand",Stadt" deutlich erkennbar hervortritt. So kam es, daß man einfache Phrasen, wie die in den Annalen des Argistis regelmäßig wiederkehrenden Worte:Zu den Chaldern (d. h. zu seinen Unterthanen) spricht Argistis" (worauf dann jedesmal der Bericht über die kriegerischen Errungenschaften eines Feldzuges folgt), vollständig verkannte. Und möglicher Weise würden wir bezüglich dieses Punktes überhaupt nicht zur richtigen Erkenntniß gelangt sein, wenn uns nicht Nachrichten aus dem classischen Alterthum zu Hülfe gekommen wären.