Heft 
(1894) 81
Seite
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Das vorarmenische Reich von Van.

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Die griechischen Schriftsteller, welche über die Pontusländer und Armenien zu berichten haben, nennen übereinstimmend ein Volk, das gemeinhin als Chaldäer bezeichnet wird, also ganz so, wie das im Süden Babyloniens wohnhafte Volk und die gleichnamige Priesterclasse, die in Babylon und anderen babylonischen Städten eine hervorragende Rolle spielte. Nicht minder glaubwürdige Quellen aber kennen an geographisch entsprechender Stelle ein Land Chaldia und geben als Bezeichnung für den einzelnen Bewohner die Form Chaldos oder geradezu Chaldis, während sich bei Suidas als Name einer Stadt schlechtweg Chaldine verzeichnet findet. So sind uns die inschristlich belegten Bezeichnungen des Landes, seiner Angehörigen und seiner Hauptstadt nach dem Gotte in gesicherten, der einheimischen Form lautlich genau entsprechender Wiedergabe erhalten.

Hieraus dürfte sich mit voller Deutlichkeit ergeben, daß dem nördlichen Bergvolk, das die Asshrer mit dem Namen der Urartäer benennen eine Bezeichnung, die bei Herodot in der FormAlarodier" wiederkehrt, resp. dessen führendem Stamme, der Name der Chalder zukam. Werden sie in der classischen Literatur überwiegend als Chaldäer bezeichnet, so liegt darin eine auf dem Namensanklang beruhende Verwechselung, die allerdings schon sehr früh Platz gegriffen hat, ein Mißbrauch, dessen man sich übrigens, wie aus Eustathius' Kommentar zur Erdbeschreibung des Dionysius Periegetes hervorgeht, zum Theil bewußt geblieben ist. Die NamenChaldäer" und Chalder" haben ursprünglich und etymologisch nicht das Mindeste mit einander zu thun. Denn im Namen des armenischen Gottes und Volkes ist das 1 stammhast. Der ursprüngliche Name der südbabhlonischen Völkerschaft dagegen ist Uasüän, UaiMäavu, und erst durch einen den Babylonisch- Assyrischen eigentümlichen Lautwandel von zu 1 vor Dentalen ist daraus Knlclu, Ualäa^u geworden, woran sich das griechische Oüaläaios an­schließt. Nun geht freilich aus der Mehrzahl der Stellen der classischen Autoren, die überhaupt eine genauere geographische Bestimmung zulassen, hervor, daß in der Zeit, auf welche deren Berichte Bezug nehmen, die Sitze der Chalder in den Gebirgen nordwestlich vom Van-See und näher nach dem Schwarzen Meere hin zu suchen sind, also in einer Gegend, die zwar ebenfalls zum chaldischen Reich in seiner größten Ausdehnung gehört hat, die aber doch von dem Centrum des Reiches einigermaßen abliegt. Eine solche Aenderung der Wohnsitze in der Zeit zwischen dem Anfang des siebenten Jahrhunderts, aus dem die Rusasstele stammt, und dem Ende des sechsten Jahrhunderts, aus welchem möglicher Weise die frühesten griechischen Nachrichten herrühren, kann nicht überraschen. Denn gerade in die Zwischenzeit, gegen Ende des siebenten Jahrhunderts, fällt die, vermutlich in mehr oder minder engem Zusammenhang mit den Kimmerierzügen erfolgte Einwanderung des indogermanischen Stammes der Armenier, von welchem Land und Volk erst ihren uns geläufigen Ge- sammtnamen erhalten haben. Doch sprechen gewisse Nachrichten (bei Xenophon) dafür, daß daneben ein Theil der Chalder in seinen ursprünglichen Sitzen am Van-See und in dessen weiterer Umgebung bis in das fünfte vorchristliche Jahrhundert verblieben ist.

Deutsche Rundschau. XXI, 3.

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