Heft 
(1894) 81
Seite
418
Einzelbild herunterladen

418

Deutsche Rundschau.

In der Wehrhaftigkeit und Freiheitsliebe, die noch Tenophon an den Chaldern oder, wie auch er sie nennt, den Chaldäern rühmt, mit denen die zehntausend Griechen aus ihrem Rückzuge mehrfach in feindliche Berührung kamen, werden wir eine wesentliche Ursache für die Erscheinung zu erblicken haben, daß die Chalder viele Jahrhunderte nach dem Untergange des Reiches von Van und in großentheils veränderten Sitzen ihr Volksthum rein und unverfälscht erhalten haben. Wir finden sie bei den Feldzügen des Lucullus in den Pontusländern als gefürchtete Gegner der römischen Krieger genannt, und aus den Schriften des Constantinus Porphyrogennetos geht hervor, daß zu seiner Zeit, also im zehnten Jahrhundert nach Christi Geburt, das Chalder- land noch eine Größe war, mit der man rechnete. Chaldia, mit der Haupt­stadt Trapezunt, ist eine die achte der Militärprovinzen des byzantini­schen Reiches, die auch gelegentlich der Saracenenkämpfe verschiedentlich er­wähnt wird. Als ein vielfach mit Trapezunt zusammen genanntes Bisthum aber und, ungefähr seit der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts, als Erz- bisthum der griechischen Kirche mit dem Sitze in Gümüschchana, derSilber­stadt" Gümüschchana (unfern des bereits im Alterthum betriebenen und be­rühmten Silberbergwerks) besteht Chaldia noch heute fort.

Ist so an der späteren Heimath der Chalder seit Xenophon's Zeiten der alte Name haften geblieben, so erhält dadurch die bereits früher mehrfach ge­äußerte Vermuthung, daß unter den so außerordentlich mannigfaltigen Völkern und Völkerresten, die sich in den Gebirgen Armeniens und im Kaukasus erhalten haben, sich auch Nachkommen der Chalder befinden mögen, in bestimmter Richtung einen, freilich nicht zu hoch zu veranschlagenden, Zuwachs an Wahrscheinlichkeit; es wäre selbst nicht ganz undenkbar, daß sich versprengte Ueberreste des Chalder- volkes an verschiedenen Theilen des einst von ihm beherrschten weiten und viel­gestaltigen Gebietes erhalten hätten.

Ehe jedoch diese Frage mit Aussicht aus eine im negativen oder positiven Sinne ergiebige Beantwortung untersucht werden kann was zunächst und hauptsächlich aus linguistischem Wege zu geschehen hätte, müßte die Sprache der Inschriften ihrer völligen Entzifferung und gründlichen Erforschung er­heblich näher gebracht sein. Als nächste Aufgabe und als Vorbedingung für jeglichen wesentlichen Fortschritt auf dem Gebiete der chaldischen Forschung muß die Sammlung des gesammten noch vorhandenen Materials an chaldischen Keilinschriften gelten. Wird dabei, wie es nach den an den Belck'schen Texten gemachten Erfahrungen unerläßlich ist, die topographische und archäologische Erforschung des jedesmaligen Fundortes mit einigem Nachdruck betrieben, so dürfen wir hoffen, gründlichere Kenntnisse und deutlichere Vorstellungen über die Geschichte eines Volkes zu erlangen, das in der altorientalischen Geschichte eine keineswegs belanglose Rolle gespielt hat und das zudem durch die un­gewöhnlich scharfe Ausprägung seiner nationalen Individualität die Aufmerksam­keit der Forschung in Anspruch nimmt und wach hält.