Heft 
(1894) 81
Seite
419
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Ada Aegri.

i.')

Von

Papi Heyse.

^Nachdruck untersagt.^

Vor mir liegt ein Büchlein in zierlicher Elzevir-Ausstattung: Täa i^vAri. I?atalltä. Nilano. büatslli NrsvsZ, iLäitori 1893. (juarta sckwions.

Eine junge Dichterin, die es zu einer vierten Auflage gebracht hat, in Italien, wo es noch weniger zum guten Ton gehört, Bücher zu kaufen, als im Lande der Dichter und Denker, ein Büchlein Lyrik von 250 Seiten, darunter freilich nach löblicher italienischer Sitte 85 leere, um das volumetto anzuschwellen keine Lyrik des neuesten Stils, halb Heine, halb Baudelaire, gewürzt durch das Modeparfüm der Demimonde, in das ein leiser Verwesungs- Hauch sich mischt, sondern lyrische Bekenntnisse einer herben, reinen, jung­fräulichen Seele und doch von solchem Reiz, daß Italien sofort nach dem Erscheinen dieser Erstlinge in der Verfasserin seine bedeutendste lebende Dichterin begrüßte fürwahr, eine Erscheinung, die zu denken und zu staunen gibt.

Noch vor wenigen Jahren war der Name Ada Negri nur Denen bekannt, die denOorrwrs äslla 8sra" oder dieIllustra^ions l^opolars" lasen. In diesen Blättern erschienen von Zeit zu Zeit Verse, die weit über die gewöhn­lichen poetischen Lückenbüßer politischer Zeitungen hinausragten; Gedichte, in denen ein starker, leidenschaftlicher Herzschlag pulsirte, ein Ton wahrhaftigen, nicht rhetorisch erkünstelten Schmerzes und tiefen Mitgefühls mit den Leiden der Armen und Elenden, dazwischen eine brennende Sehnsucht nach Freiheit, Liebe und Schönheit. Auch solche Leser, die an dichterischen Ergüssen sonst mit kühler Miene vorüberzugehen pflegen, fühlten sich von den heftigen Naturlauten, die aus dieser einsamen Seele hervorbrachen, gefesselt und gerührt. Doch erst als diese Gedichte gesammelt erschienen, wurde Italien inne, daß ihm wieder einmal eine Dichterin erstanden war, und von allen Seiten erscholl die Frage: Wer ist Ada Negri?

0 Obiger Artikel ist uns bereits im August d. I. zugegangen.

Die Redaction derDeutschen Rundschau".

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