Heft 
(1894) 81
Seite
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Deutsche Rundschau.

Eine ihr befreundete Schriftstellerin, Sofia Bist Albini, hat in einer kurzen Vorrede zu den Gedichten das Wenige mitgetheilt, was von der Person und den Lebensumständen der so plötzlich aus Dunkelheit zu Hellem Ruhm Gelangten zu sagen war.

In Lodi ist Ada Negri geboren, von armen Eltern, ihre Mutter eine Fabrikarbeiterin. Mit achtzehn Jahren verläßt Ada diefeuchte Hütte", in der sie ihre erste Jugend, von Noth und Sorgen gedrückt, zugebracht hat, um in dem weltentlegenen Flecken Motta-Visconti am Ticino,zu dem noch nicht einmal eine Trambahn führt", eine Stelle als Schullehrerin einzunehmcn. Hier wohnt sie in einem geringen Hause. Durch einen weiten, schmutzigen Hof, auf den die Ställe sich öffnen und wo die Gänse schnattern, gelangt man über zwei hohe, ausgetretene Stiegen in ihr dürftiges Zimmer, in das nur ein trübes Licht fällt. Denn die Fensterscheiben sind nicht von Glas, sondern aus Papier. Ihr bestes Möbel ist die Bücherkiste, die ihr als Divan dient.

Jetzt, da die ersten harten Jahre durchgekämpft sind, hat sie wenigstens den Trost, daß sie die Mutter zu sich nehmen konnte. Die alte Frau hat unter tausend Entbehrungen an nichts Anderes gedacht, als mit ihrer Hände Arbeit der Tochter die Mittel zu schaffen, sich zur Lehrerin auszubilden. Die Tochter vergilt ihr dies Opfer mit der innigsten Liebe, und so oft sie in ihren Versen des Segens der Arbeit, der strengen Pflicht, im Schweiß des Angesichts sein Brot zu essen, gedenkt, tritt das Bild der alten Frau vor ihre Seele. Auch denkt sie nicht daran, setzt, da ihr Name durch ganz Italien genannt wird, sich als Dichterin zur Ruhe zu setzen. Wenn sie aus der Schule kommt, wo sie die achtzig Knaben und Mädchen unterrichtet hat, dann erst gönnt sie sich das Feierabendglück, zu lesen und zu dichten.

Ada Negri hat sehr wenige neuere Bücher gelesen, aber sie kennt sie alle aus den oft einander widersprechenden Kritiken der literarischen Journale, und es ist merkwürdig, wie sie aus dem Guten und Bösen, was darüber gesagt wird, das Richtige herauszufinden weiß. Sie hat nie ein Theater besucht, aber sie schwärmt für die Düse und hat nur Einen Gedanken: sie einmal spielen zu sehen. Das Alles sagen ihr ihre Zeitungen, ein großes Bündel fast aller literarischen Journale, die in Italien erscheinen und ihr allwöchentlich mit dem Poststempel Mailand von einem ihrer Bewunderer zugeschickt werden, der sich ihr nie zu erkennen gibt.

Ada Negri hat nie das Meer gesehen, auch nicht Berge und Hügel oder einen See. Noch vor wenigen Monaten nicht einmal' eine große Stadt, da sie Mailand nur auf dem Wege von Porta Ticinese nach Porta Romana durcheilte, um in den Ferien ihre Mutter in Lodi zu besuchen.

In diesem Sommer" das nähere Datum ist nicht angegebenwollten einige Freunde sie zwei Tage lang in der Stadt sesthalten. Ein unbekanntes neues Leben that sich vor ihren Augen auf in der großen, volkreichen Stadt, in der Jahreszeit, wo Wettrennen und Ausstellungen ihr so viel Glanz ver­liehen. Zum ersten Mal sah sie allen Zauber des Luxus, der Schönheit und Eleganz sich entfalten. In der Brera machte die Kunst einen übermächtigen Eindruck aus sie ... .