Ada Negri.
421
„Zwei Tage wie im Traum; ihre ganze schmächtige Gestalt gerietst in ein aufgeregtes Zitterm ihre großen schwarzen Augen glühten wie im Fieber, so daß die Freunde sich fragten, ob sie nicht übel daran gethan hatten, ihr das Alles zu zeigen, was sie doch nicht auf die Länge genießen konnte.
„Sie kehrte dann zu ihrer Schule zurück und lehrte wieder ihre achtzig lärmenden und hartköpfigen Kinder bnchstabiren. Doch wie schwer wurde es ihr, sich selbst zu beruhigen und sich wieder in ihr dunkles Schicksal zu ergeben."
Seit dies geschrieben wurde, hat das Leben der Dichterin sich freundlicher gestaltet. Eine edle und für alles Große und Schöne begeisterte Frau, Donna Emilia Peruzzi, die Wittwe des um Florenz hochverdienten Ubaldino Peruzzi, gewann für die Dichtungen Ada Negri's ein so lebhaftes Interesse, daß sie es bei dem Gemeinderath von Florenz durchsetzte, den Ehrensold, den die junge neapolitanische Dichterin Giannina Milli erhalten hatte, jetzt, da diese gestorben war, der Lehrerin von Motta-Visconti zu gewähren, die nun auch nicht lange mehr in ihrer Stellung als Elementarlehrerin gelassen, sondern an die höhere Normalschule in Mailand versetzt wurde, um dort den Unterricht in der italienischen Literatur zu übernehmen.
Aus ihrem Büchlein ist nicht zu erkennen, welche Gedichte vor jenem Epoche machenden Besuch in Mailand entstanden sind, welche durch die neuen Eindrücke ihr eingegeben wurden. Doch bedurfte es sicher keines tieferen Einblicks in die schroffen Gegensätze der heutigen Gesellschaft, um den Groll und Stolz der „Plebejerin" in der Seele des begabten Mädchens zu nähren. Auch was ihre Bücher und Journale an vagen Vorstellungen von der Welt des Glanzes und Scheins, des Müßiggangs und der Verderbtheit in ihr geweckt haben mögen, konnte kaum sonderlich dazu beitragen, das demokratische Bewußtsein in der feurigen Seele der Dichterin zu bestärken. Ihr und der Ihrigen armes Loos, die Bilder des Elends, die ihr täglich vor Augen waren, zusammen mit der „unbezähmten Flamme" in ihrer Brust mußten die Stimmung in ihr erzeugen, die in all ihren dichterischen Ergüssen die herrschende blieb.
Vielleicht hieraus ist der ungewöhnliche Eindruck zu erklären, den alle Klassen der italienischen Gesellschaft von Ada Negri's Poesieen empfangen haben. Nach den Wuthausbrüchen der landläufigen socialistischen Muse pflegt die gebildete und besitzende Welt nicht hinzuhören. Hier aber war ein hochsinniges, von allen Idealen der Menschheit erfülltes Mädchen zu tiefstem Mitgefühl mit den Enterbten, Glück- und Hoffnungslosen entstammt worden und hatte, ohne einen Gedanken an agitatorische Wirksamkeit, nunnno alltata ihren Gefühlen den erschütterndsten Ausdruck verliehen. Zugleich klangen alle zarteren und innigeren Seiten eines weiblichen Gemüthes mit an. Eine Proletarierin zeigte sich vom reinsten geistigen Adel, eine sociale Ruferin im Streit, die sich niemals in einer theatralischen Pose gefällt, die für alles Schöne und Liebliche, für jeden elementaren Zauber der Natur ein offenes Auge hat und doch die Kraft, jeder Verführung durch falschen Schimmer zu widerstehen; die den schlichten, berußten Arbeiter dem koketten Adonis vorzieht und in schwesterlichem Mitgefühl dem schmutzigen Gassenjungen um den Hals fällt, in banger Sorge um die Zukunft des verwais'ten, verkommenen, schütz- und führerlosen Kindes.