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Deutsche Rundschau.
Doch diese Verse, die an schlichter und doch so wuchtiger Krast die berühmten Barbier'schen „ckamdes" überbieten und in ihrer eintönigen Stimmung immer neu zu fesseln vermögen, bedürfen keines ausführlichen Commentars. lieber ihre Form mögen sich die Landsleute der Dichterin aussprechen. In Sachen des Stils — es muß immer wieder gesagt werden — steht nur den Sprachgenossen ein Urtheil zu. Uns Fremden freilich kann es nicht entgehen, daß manche dieser Gedichte mehr den Eindruck genialer Improvisationen, als ausgereifter, sorgsam gefeilter lyrischer Kunstwerke machen. Hin und wieder treffen wir aus unklare oder allzu gehäufte Bilder, Wiederholungen, die abschwächen, statt zu steigern; dieselben Themata werden mit geringen Variationen mehrfach behandelt (so gleich die sonst so mächtigen bNtalita und Naretüo in krönte), und zuweilen glauben Wir zu erkennen, daß Ada Negri nicht zu ihrem Vortheil Victor Hugo gelesen hat. Doch was bei diesem nur allzu sichtbar als declamatorische Manier erscheint, ist bei der autodidaktisch gebildeten Italienerin ihrem ungeübten Geschmack zu Gute zu halten, zumal dergleichen Schlacken an dem edlen Erz ihrer Dichtung nur als seltene Ausnahme begegnen.
Nicht Alles aber, was in deutscher Nachdichtung vielleicht allzu überschwänglich erscheinen mag, wird auf einen feinsinnigen Landesgenossen der Dichterin in gleicher Weise wirken. Wir haben uns zu erinnern, daß dem leidenschaftlicheren südlichen Temperament ein getragener Stil der Rede gemäß ist, auch wo sich's nicht um dichterischen Ausdruck handelt, wie viel mehr in den höchsten Momenten lyrischer Ekstase. Wie sehr neben dem hinreißendsten Pathos ihrer Kriegserklärungen gegen die Feinde wahrer Menschlichkeit auch die schlichtesten Töne ihr zu Gebote stehen, erkennen wir überall, wo, gleichsam in einem kurzen Waffenstillstand, ihr Gemüth dem Zauber der Natur, dem Hauch einer Liebesempfindung sich öffnet, oder die Erinnerung an ihre Mutter und das Glück, das sie trotz alledem in ihrer Nähe genossen, mit ergreifender Innigkeit ihr wieder vor die Seele tritt.
Ohne Namen.
Mein Nam' ist unbekannt. Plebejer sind Die, denen ich entstamme.
Feucht war die Hütte, drin ich lebt' als Kind, Doch unbezähmt in mir wohnt eine Flamme.
Ein frommer Engel und ein böser Zwerg Begleiten meine Schritte.
Es überstiegt mein Denken Thal und Berg, Mazeppa gleich auf feinem Todesritte.
Voll Kraft und Schwäche, Lieb' und Haß zugleich, Ein seltsam Räthsel bin ich.
Mich lockt des Abgrunds dunkles Schreckensreich, Und eines Kindes Kosen rührt mich innig.