Ada Negri.
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Tritt in die enge Kammer unterm Dach Das Unglück mir, so lach' ich.
Wird meine Kraft in schwerem Kampfe schwach Und bin ich trost- und freudelos, so lach' ich.
Doch seh' ich welker Greise müde Qual Und Hungernde, so wein' ich,
Und über zarte Kinder, krank und fahl,
Und tausend unbekannte Leiden wein' ich.
Und wenn mein Herz von Thränen überschwillt,
Im Lied, dem seltsam trüben,
Das in der Brust mir bebt, vom Mund mir quillt, Ausström' ich all mein Zürnen und mein Lieben.
Nicht acht' ich, wer es hört. Wenn hämischer Sinn Und Bosheit mich umringen,
Geh' ich getrost vorbei und seh' nicht hin,
Und nicht ins Blut kann mir der Giftpfeil dringen.
Das Maal an der Stirn.
In rothem Kleid ein fremdes junges Weib Rührte die Stirn mir mit dem Finger, lachend; Mir schauerte der Leib.
Sie sprach: Du trägst ein Zeichen an der Stirn. Seltsam geformt ist in Gestalt des Kreuzes Das Maal an deiner Stirn.
In deiner Jahre schicksalsvollem Lauf Wirst du es immer tragen. Denn es drückte Ein Vampyrbiß dir's aus.
Des Lebens besten Theil in gier'ger Brunst Saugt' er dir aus, die Gluth ans deinen Adern. Der Vampyr ist die Kunst.
In wachen Nächten o wie manches Mal Trat hungrig spähend er zu deinem Kissen,
Lüstern nach deiner Qual.
Apoll's uraltem Dienst bist du geweiht.
Doch gilt Genie zu haben als Verbrechen Der schnöden Krämerzeit.
Wohlan! Entblöß im flammenden Gedicht Die zuckend offnen Wunden deines Herzens:
Man lacht dir ins Gesicht.
In frischer, goldner Jugend Ueberschwang Juble ein Liebeslied: phantastisch werden Sie schelten deinen Sang.
Weise und Kritiker — sie folgen dir Mit Schmähn, wie Wölfe ihrem Raub, die Beute Zerstückelnd voll Begier.