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Deutsche Rundschau.
Doch jenes Maal — nie kannst du's tilgen, wie Der Funke des Gedankens nie zu löschen,
O niemals, niemals, nie! . . .
Sprach's. Und das Weib, das allen Trost mir raubt' Und trotzig vor mir stand, schien mir das Schicksal. . . Da neigt' ich stumm das Haupt.
Eine kurze Geschichte.
Sie war so hold wie eines Dichters Traum, Stets weiß gekleidet; in den Zügen war Der Gleichmuth einer Sphinx des Orients.
Es regt' ihr schöner, träger Leib sich kaum, Bis aus die Hüften hing ihr seidnes Haar, Ihr Lachen klang in trillernder Cadenz.
Sie liebte — unerwidert. Heimlich nährte Mit heitrer Stirn sie in des Herzens Grunde Die böse, stumme Gluth, die sie beseelte.
An jener Leidenschaft, die sie verzehrte,
Starb sie in einer Herbstesdämmerstunde,
Wie die Verbene, der die Sonne fehlte.
Die Witttve.
Trauernde Wittwe, die so still du wohnst,
Unter dem rauchgeschwärzten Dach verborgen,
Und nähst und nähst und nie die Kräfte schonst,
Am Bette deines kranken Sohns voll Sorgen,
Auf dem verhärmten Antlitz trägst du noch Die tiefe Spur von alten Kümmernissen.
Unglücklich bist du und so wacker doch;
Sieh, auf die falt'ge Stirn möcht' ich dich küssen.
Am Simse deines kleinen Fensters hier Blüht ein Geraniumtopf mit rothem Schimmer.
Dein Loos ist schwer, nicht knickt's die Flügel dir; Du weintest viel, und doch — du hoffst noch immer.
Laß knie'n mich hin zu dir, daß du mich lehrst Zu dulden, zu verzeihn mit stillem Muthe.
Die du dem Haß und Neid so tapfer wehrst,
O segne mich, du Große, Echte, Gute!
Nie so wie hier mit tiefbewegtem Sinn Dacht' ich der Mutter, und mir war, als würde Mir offenbart durch dich, o Dulderin,
Des Schmerzes hohe Würde.