Heft 
(1894) 81
Seite
431
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Ada Negri.

Wärst du Plebejer, doch ob all den Tausenden,

Entnervt von schnöder Faulheit, dürstst du heben Dein Haupt nach edlen Mühn,

Und in der mächtigen Stirne sah' ich beben Des Strebens Lust, des Denkens Fieber glühn

Ja, dann würd' ich dich lieben, um die redliche Arbeit und Müh', die dir gestählt die Sehnen Und deinen Namen ehrt.

Mein Haupt an deine Brust dann würd' ich lehnen,

Dich achtend meiner treuen Liebe Werth.

Doch du wer bist du? Was von mir erhoffst du noch? Armsel'ger Sklav' mit deinem saden Schmachten,

Geh, Weiche von mir weit!

Was giltst du mir? Ich kann dich nur verachten,

Du welker Sprößling einer welken Zeit!

Der Gassenjunge.

Wenn aus der koth'gen Gaff' ich ihn gewahre,

So schmutzig und so schön,

Wie seines Jäckchens Fetzen ihn umwehn,

Die Schuh' zerrissen und zerzaus't die Haare;

Wenn ich ihn lungern sehe bei den Wagen Mit halb entblößten Beinen,

Wie er nach armen Hunden wirst mit Steinen,

Schon Dieb und schon verderbt, srech und verschlagen;

Wenn ich ihn lachen seh' und denk': Nun hat er Kein Heim, der Heckensproß;

Die Mutter ging in die Fabrik und schloß Die Hütte zu, im Zuchthaus sitzt der Vater:

Dann fühl' ich Angst um ihn mein Herz bedrücken.

Was soll aus dir nur werden.

Unwissend, ohne Leitung hier aus Erden Und preisgegeben allen Zusallstücken?

Geschwätz'ger Vogel, sag: in zwanzig Jahren Wo wirst du Loser nisten?

Verwogen, ruchlos und erpicht aus Listen,

Oder in redlichem Erwerb erfahren?

Wirst du in schlichter Arbeitsblouse gehen?

Trägst du dann Sträflingskleider?

Werd' ich dich in der Werkstatt oder leider Im Kerker, im Spital dich Wiedersehen?

Hinab dann auf die Gasse möcht' ich eilen,

Ihn drücken an mein Herz,

Und, ihn umarmend, meinen tiefen Schmerz,

Mein Mitleid, meine Todesangst ihm zeigen.