Ada Negri.
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Aufs Herz mir tropft, ein rother Regenschauer, Das Blut der edlen todgeweihten Schaar,
Die ihre Brust voll Trauer Dem Feind entblößt, wo eine Schußesmauer Der Freiheit nöthig war.
Aus jeder Werkstatt, wo in wirrem Lärmen Ein Menschenhause dicht zusammensteckt Und, fahl von Roth und Härmen,
Nach hartem Brot, verdient mit saurem Schweiße, Hungernd die Hände streckt;
Aus den Fabriken, wo man rastlos schwingend Stählerner Riesenhebel Sausen hört Und durch die Poren dringend Der scharfe Dunst schwindsücht'gen Weberinnen Am ros'gen Blute zehrt;
Aus dürrem Land, Reisfeldern, wo den Bauern In Mark und Bein die gift'ge Feuchte dringt,
Aus jener Häuser Mauern,
Wo so viel arme träge Gottgeschöpfe Man Gott zum Opfer bringt,
Zu mir, zu mir dringt fort und fort die Klage,
Die mich verfolgt und unermüdlich spricht Mit ewig düstrer Frage,
Mich wie die Fledermaus mit ängst'gem Flügelschlage Umschwirrt im Dämmerlicht.
Was schön und freudig, seh' ich vor mir fliehen,
Das holde Licht, mit jedem Morgen neu;
Das süßverwegne Glühen Der Liebe flieht mich und des Kusses Taumel —
Der Schmerz nur bleibt mir treu.
Der Schmerz, der nimmer nachgibt, was auch drohe. Der Schmerz, der kämpfend sich zum Gott erhebt,
Die Kraft, die göttlich hohe.
Die einst Prometheus stählte, da am Felsen Gefesselt er geschwebt.
Und düster tönend fliegen meine Lieder Ueber der Menge, die erblassend lauscht.
Wie riesenhaft hernieder Ueber des Gletschers ew'gem Eis der Fittich Des wunden Adlers rauscht.
Deutschs Rundschau. XXI, 3.
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