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Deutsche Rundschau.
II.
^Nachdruck untersagt.s
Eben erschienen ist bei Alexander Duncker in Berlin ein schmales Buch von 126 Seiten: „Schicksal (I^atalitäF, Gedichte von Ada Negri, ins Deutsche übertragen von Hedwig Jahn. Der eigentliche Sinn des Wortes wäre hier: Das Ringen mit dem Schicksal, denn Schicksal allein hat zu sehr den Sinn des llnterliegens, während Ada Negri mit dem Schicksal im Kampfe lag und es — dürfen wir jetzt Wohl denken — bezwungen hat. Der Vorrede zufolge sind diese Verse die Gedankenströme, die der Seele eines jungen Mädchens entsprangen, das in tiefer Verborgenheit die Stelle eines Bauernkinder das A-B-C lehrenden Schulmeisters in einem kleinen lombardischen Neste, nicht weit von Lodi gelegen, inne hatte. Jahre hindurch sind Ada Negri's Gedichte einzeln in einer bestimmten Zeitung erschienen, bis die öffentliche Aufmerksamkeit sich ihnen immer dringender zuwandte. Nun trägt das mir vorliegende Bändchen von 1893 bereits die Bezeichnung: Vierte Auslage.
Man darf, von mir redend, Wohl als etwas Auffallendes bezeichnen, daß Jemand, dem so viele Jahre hindurch in ununterbrochener Zufuhr Gedrucktes jeder Art unter die Augen kommt, im höchsten Grade erstaunt über ein paar Seiten, die er in einem Bändchen lyrischer Gedichte zufällig liest. Mein Gefühl glich der Verwunderung und dem Entzücken, mit dem man auf einem gewohnten Spaziergange, etwa über eine Wiese hin, plötzlich ein Nest von Blumen dastehen sähe, deren Schönheit in Farbe und Form uns völlig neu wäre. Nichts Wunderliches, Seltsames, Grelles in diesen Blüthen, sondern einfache Schönheit. Schönheit der Gedanken, der Sprache, der Empfindung. Und zugleich ein Duft, der ein Gefühl kindlicher Freude am Dasein, gemischt mit rührendem, aber sanftem Schmerze über eigenes und fremdes Schicksal, ausspricht. Hierin zumal liegt das uns vertraulich ansprechende „Moderne" dieser Dichtungen. Der „Menschheit ganzer Jammer" bestürmt die Seele der Dichterin, der Sonnenschein der Jugend aber bricht zugleich siegreich durch und hebt uns mit empor. Die tiefe Verlassenheit des jungen Mädchens ergreift uns, aber wir sagen uns, daß diese Verse nicht zu hoch damit bezahlt werden. Nur ein Mädchen auch hätte so dichten können, ein einsames, armes Kind, verzehrt von Sehnsucht nach dem der Zukunft zudrängenden Gewühl der Menschen, aus dem ihm Stimmen der Anerkennung und des Verständnisses entgegenkämen. Heute wird Ada Negri das nun Wohl gefunden haben, und wir gönnen es ihr ohne den Hintergedanken, gerade dieser kummervollen Stille habe es vielleicht bedurft, um so viel Schönes herauszulocken. Ihre Natur fordert durchaus keinen tragischen Abschluß. Man kann sie sich als glücklich verheirathete Frau und Mutter glücklicher Kinder denken, ohne daß ihrer Erscheinung dadurch etwas genommen würde. Diese trägt den Charakter gleichmäßiger Durchbildung. Wie man von „musikalischen" jungen Leuten spricht, denen es unmöglich wäre, ein anderes Element für die seelische Existenz zu