Ada Negri.
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finden als Musik, denen es ebenso unmöglich wäre, eine falsche Note zu spielen als Anderen, eine richtige, so ist Ada Negri in Poesie eingetaucht. Jedes ihrer kleinen Gedichte ist in Komposition und Bildern ein Meisterstück, ein Natur- Product, man könnte sagen, ein Theil des italienischen Lebens von heute. Ich glaube nicht, daß Jemand diese Verse wieder vergessen könnte, der sie einmal gelesen oder gehört hat.
Es würde nichts nützen, hier Beispiele zu geben, man muß das Bändchen mit den nur sechzig kurzen Stücken durchlesen, denn eins gehört zum anderen: man muß die ganze Reihe kennen, wie wir eine Symphonie von der ersten bis zur letzten Note gehört haben müssen. Dann erst fällt uns die Verbindung tiefer Kenntniß alles Dessen auf, was Armuth und Noth über ein Leben von frühester Kindheit an verhängen, und leichtbeschwingter Erhebung darüber. Die Trübsal des gedrücktesten Daseins hat die Reinheit dieses Jugendlebens, das immer noch jugendlich frei sortstrebt, nicht anzutasten vermocht. Bei Dickens finden wir solche weibliche Kinderseelen, die im Schlamme auswachsend zu unberührtem Blüthenthume sich erheben. Ada Negri ist nicht herabgekommen zu Armuth und Entbehrung, sie ist die Tochter einer armen Frau. Sie hat als kleines Kind schon den Kampf um das tägliche Brot als das Beherrschende gekannt. Es hat sie das zuweilen mit Bitterkeit erfüllt, niemals mit Haß. Sie hat gearbeitet und ihre Mutter als alte Frau Weiterarbeiten sehen müssen, ohne sie darüber hinausheben zu können. Formales religiöses Leben scheint ihr fremd, all ihre Gedanken aber sind von Religiosität erfüllt. Eine tiefe Vertrautheit mit dem Leben des Arbeiters ist ihr eigen, nirgends aber auch nur ein Anklang anarchischer Denkungsart. Alles — ich sage Alles, —- was die Welt Böses und Nothvolles beherbergt, kennt Ada Negri und hat es zum Theil erfahren, aber sie findet die sanftklingenden, versöhnenden Noten, die die Schicksalsschreie der Armen und Verlassenen zu einem Theil der gewaltigen Harmonie werden lassen, zu der menschliches Glück und Unglück sich den Gedanken der Vorsehung nach zusammenschließen. Ihr Glaube an die Schönheit und den Werth des Lebens wird uns nicht in Phrasen vorgedudelt, an deren verschwommenen Inhalt sie selbst nicht glaubt; was sie bringt, hat reine Form, festen Inhalt und, wo es sich um die Gefühle eines jungen Herzens handelt, glühende Farben, wo echtes Feuer durchleuchtet. Daneben aber, wo das sociale Elend der Zeit vor ihr sich aufthut, schildert sie das Rauhe und Harte in rauhen und harten Bildern, und es liegt nichts Beschönigendes in ihrer Sprache. Gustav Spangenberg hat als sein tiefstes Werk den „Zug des Todes" hinterlassen; so deutlich jedoch seine künstlerische Sprache hier zu sein scheint: vergleichen wir damit Ada Negri's Gedicht vom Zuge der Verlassenen und Elenden! Und dann, gerade hier, überrascht uns mit doppelter Kraft der versöhnende Ausklang. Sie will einen Ausdruck dafür finden, wie all dieses furchtbare Leiden ein jugendliches Gemüth nicht dazu bringen kann, am Leben zu verzweifeln. Ich lege, während ich dies schreibe, die Feder hin und durchblättere das Buch, um etwas auszuwählen, das sich hier als Citat einsiechten ließe, aber ich fühle, daß es ein Unrecht sei, aus diesem Kranze eine einzelne Blume herauszureißen. Und so schließe ich ab.
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