Heft 
(1894) 81
Seite
436
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Deutsche Rundschau.

Die Übersetzung ist an vielen Stellen mit den Originalen von mir ver­glichen worden. Hedwig Jahn ist eine treue Uebersetzerin. Man glaubt nicht mit fremder Sprache zu thun zu haben. Sie dichtete die Verse in Deutschem Wohlklange nach. Nirgends tönen uns die leeren Worte entgegen, mit denen geschäftsmäßige UebertraguNg gereimter Dinge sich oft behilft. Ich habe die überraschende Kraft dieser Dichtungen in den letzten Tagen bei Vielen erprobt, denen ich das kleine Buch in die Hände gab. Meistens Solche, die freiwillig lyrische Gedichte nicht zu lesen pflegen. Ich thue es selbst nicht. Ich füge auch noch die Bemerkung hinzu, daß mir Dichterin und Uebersetzerin beide persönlich unbekannt sind.

Hätte ich Ada Negri literarhistorisch hier zu besprechen, so würde ich Carducci's Einfluß auf die jüngere Generation des heutigen Italiens zu erwähnen haben. Das Land hat neben Ada Negri noch andere dichtende Frauen von hoher Begabung hervorgebracht. So Alinda Brunamonti, derendluovi OantU 1887 in Citta di Castello erschienen. Auch hier der furchtlose Ausblick auf das Allgemeine, der Reichthum an Bildern und die natürliche Bescheiden­heit einer muthvollen Frau, die ihre Zeitgenossen anredet, weil sie an die Schönheit des irdischen Daseins glaubt. Bei Beurtheilung der neueren italienischen Lyrik müßte auch von Victor Hugo die Rede sein, dessen Reich­thum an bildender Phantasie nach Italien übergeflossen ist. Im Hintergründe aber ragt Dantes Gestalt empor, wie bei uns überall Goethe und Shakespeare. Goethe's Universalität hat uns für das Verständniß auch der neuesten italienischen Dichtung vorbereitet.

Berlin, October 1894. Herman Grimm.