Die Berliner Theater.
^Nachdruck untersagt.j 15. November 1894.
Seit dem Beginn der neuen Spielzeit am 1. September ist in der Verwaltung der Berliner Bühnen eine verhängnißvolle Aenderung eingetreten. Zwei altbewährte ausgezeichnete Theaterleiter, Adolf L'Arronge und Ludwig Barnay, sind theatermüde von der Stätte ihres Wirkens zurückgetreten. Das Deutsche Theater, das L'Arronge im Verein mit August Förster, Friedrich Haase, Ludwig Barnay und Siegwart Friedmann 1883 begründete, hat in der Entwicklung des Berliner Theaterlebens im letzten Jahrzehnt eine entscheidende Rolle gespielt. Sowohl in Bezug auf die dramatische Kunst, Dichtung und Darstellung, wie in Bezug aus die Geschmacksbildung des Publicums und die Einwirkung, die es auf das Schauspielhaus ausübte. Der ursprüngliche Gedanke der Gründung zwar, ein Theater zu schassen, in dem die Schauspieler zugleich die Gesellschafter des Unternehmens wären, ließ sich nicht durchführen. Zuerst entfernte sich Haase aus einem Verhältnis das die Eigenart seines Talentes einengte, Barnay folgte ihm, Friedmann trat in den Hintergrund zurück: schließlich stand die Leitung und Entscheidung in der Wahl der aufzuführenden Stücke wie in ihrer Einrichtung bei Förster und L'Arronge. Seit der Berufung Förster's nach Wien (1886) lag die Last und die Verantwortung, aber auch der Ruhm auf L'Arronge's Schultern allein. Während seiner guten Zeit wetteiferte das Deutsche Theater erfolgreich mit dem Schauspielhause. Sein Repertoire war geschickt aus elassifchen und modernen Schauspielen zusammengesetzt; mit den Lustspielen von Oskar Blumenthal „Der Probepfeil" und „Die große Glocke" hatte es in der ersten Zeit, mit Ludwig Fulda's Märchenkomödie „Der Talisman" und mit Kadelburg's Schwank „Der Senator" in seinen beiden letzten Jahren große Treffer gezogen. Im Anschluß an die Jnscenirungskunst der Meininger richteten L'Arronge und Förster eine lange Reihe classischer Dramen musterhaft ein, stilvoller und lebendiger, als wir sie zu derselben Zeit im Schauspielhause sahen. Calderon's „Richter von Zalamea", Grillparzer's „Jüdin von Toledo" waren glückliche und auch für die Kasse vortheilhaste Bereicherungen des elassifchen Repertoires. Ausgezeichnete schauspielerische Kräfte gaben auch bei den Wiederholungen den Darstellungen Glanz und Relief, Joseph Kainz und Agnes Sorma fesselten durch die Entwicklung ihres Talents die Zuschauer immer aufs Neue; Georg Engels' wuchs in dem Verband und in der Schule dieses Theaters von einem lustigen Hanswurst zu einem hervorragenden Charakterspieler, von vielseitiger Originalität, auf. Wie jede Bühne hatte auch das Deutsche Theater seine Finsternisse; zuweilen ermüdeten die Leitung wie die Darsteller. Daß Joseph Kainz das Theater verließ, um bei dem Concurrenzunternehmen des Berliner Theaters sein Glück zu versuchen, Herbst 1889, brachte ihm Persönlich wie dem Deutschen Theater schweren künstlerischen Schaden. Als.er sich dann wieder zu der SMte seines Ruhmes zurück--