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Deutsche Rundschau.
gesunden hatte, kehrte ihr Agnes Sorma den Rücken. Trotz alledem wußte L'Arronge, wenn auch mit nachlassender Freudigkeit und geringeren Erfolgen, den Ruf des Deutschen Theaters bis zu dem Ende seiner Directionsführung aufrecht zu erhalten. Aber als er das Theater dem bekannten Literarhistoriker und Kritiker Otto Brahm am 1. September dieses Jahres übergab, waren menschlicher Voraussicht nach die guten Zeiten des Deutschen Theaters vorüber. Der Kampf uiit dem Schauspielhause, den L'Arronge so muthig ausgenommen und so standhaft geführt hatte, kann jetzt, nachdem unter der Verwaltung des Grafen Hochberg ein frischerer Zug in die königlichen Bühnen gekommen ist, und die Aufführungen der klassischen Dramen in Ausstattung wie in Spiel eine wohlthätige Erneuerung erfahren haben, nicht mehr gewagt werden. Die Mittel des neuen Direktors sind im Vergleich zu denen des Schauspielhauses beschränkt, und er bringt überdies, nach seiner Geschmacksrichtung und von seiner srüheren literarischen Stellung her, der Dichtung der Vergangenheit nicht jenes lebendige Interesse und jene nachempsindende Empfänglichkeit entgegen, ohne die eine Aufführung klassischer Dramen immer eine steife akademische Leistung bleibt oder in ihr Gegentheil eines rohen Naturalismus ausartet. Vorstellungen wie die von Schiller's „Kabale und Liebe" und Shakespeare's „Hamlet" haben in dem einen wie im anderen Sinne abschreckende Beispiele geliefert.
Der Wechsel, der sich in der Führung des Berliner Theaters vollzogen, stellt der Zukunft auch dieser Bühne ein Fragezeichen. Das Berliner Theater wurzelte in der Persönlichkeit Ludwig Barnay's. Er war fein technischer Direktor, sein künstlerisches Haupt, Regisseur und erster Schauspieler zugleich. Wie viele Personen er auch in verschiedenen Tienstzweigen verwandte, er drückte sie sämmtlich zu untergeordneter, unselbständiger Beihülfe herab. Die Arbeitskraft, die er in diesen sechs Jahren, vom September 1888 bis zum Juli 1894, aufwandte, ist eine erstaunliche, und man begreift im Hinblick auf den Aufwand von Energie, den feine Thätigkeit erforderte, daß er sich nach Ruhe und Ausspannung sehnte. Barnay's Theaterleitung hat eine durchaus entgegengesetzte Beurtheilung gefunden, hier von Seiten des Publikums, dort von Seiten der Kritik. Er hatte dem mittleren Bürgerstande in dem Berliner Theater eine Schaubühne geschaffen, die den Wünschen und den Ansprüchen, dem Verständniß und dem Geldbeutel dieser Kreise entsprach. Ihnen gefiel der Regisseur Baruay ebenso sehr wie der Schauspieler. Barnay's Einrichtungen strebten dem Meiningenschen Muster nach, freilich mit einem Stich in das Grelle und das Jmitirte. Aber die Zuschauer waren nicht im Stande, immer das Unechte von dem Echten zu unterscheiden, sie begnügten sich mit der historischen Treue und der Localfarbe im Großen und Ganzen und wogen nicht behutsam jede Einzelheit auf der Goldwage. Auch muß billig zugegeben werden, daß die Masfenfcenen stets glücklich und wirksam durchgeführt wurden, daß Barnay, wenn er in der Gebelaune als Schauspieler war, allen Mitspielenden etwas von seinem Feuer und seinem Geiste einslößte. Die Gegenwart des Kaisers, der das Berliner Theater gern bei den Aufführungen patriotischer Schauspiele besuchte, that dann das Ihrige, solche Darstellungen, im populären Rahmen, auch für einen feineren Geschmack, in ihrer Weise zu wohlgelungenen und in sich abgerundeten zu machen. Völlig im Unrecht war indessen die Kritik mit ihren Ausstellungen trotzdem nicht. Barnay hatte in der Wahl der Neuheiten, die er vorführte, nur in seltenen Fällen ein sicheres Urtheil, eine Witterung der Stimmung und des Geschmacks. Die „Premieren" im Berliner Theater endeten meist mit einem Krach. Und zugleich gab es Abende, wo auch im klassischen Drama den Regisseur die Erfindung, den Schauspieler die Laune oder die Kraft verließ, wo Alles einen handwerksmäßigen Zug annahm. Barnay hatte das Berliner Theater mit der Absicht eröffnet, hier der Stadt ein echtes Volksschaufpielhaus zu geben: an dieser Absicht wurde all' sein Thun und Treiben gemessen. Daß der Direktor, der täglich, um seine Anstalt zu erhalten, Komödie spielen mußte, oft beim besten Willen nicht erfüllen konnte, was er sich selbst und dem Publicum, als sein Plan noch im