Heft 
(1894) 81
Seite
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Die Berliner Theater.

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Werden lag, versprochen hatte, wollte die Kritik nicht gelten lassen. Sie sah nur die Fehlgriffe und Irrungen, den ärgerlichen Zwiespalt Barnay's mit dem einen und dem anderen seiner Künstler, die allzu große Rücksicht aus die Theaterkasse. Aber bis zuletzt blieb die Masse der Zuschauer dem Director und Schauspieler Barnay treu: die Angriffe der Kritik, die berechtigten wie die unberechtigten, machten keinen Eindruck aus sie. Für jeden Einsichtigen unterliegt es denn auch keinem Zweifel, daß der neue Director in den Geleisen Barnay's fortsahren muß, um das Fortbestehen des Berliner Theaters zu sichern.

Zu der Geschicklichkeit und Findigkeit Oskar Blumenthal's, der es übernommen, hat in allen theatralischen Dingen das Berliner Publicum ein gewisses Zutrauen. Das Bedenkliche ist nur, daß er jetzt für zwei Theater zu sorgen und zu denken hat. Seine Neigung wie sein Talent befähigen ihn unvergleichlich besser zur Leitung einer vornehmen Salonbühne, der er selbst den Namen und den Zweck eines Theaters für die Lebendigen ertheilte, als für die Verwaltung eines Volkstheaters, das in erster Reihe das classische Drama und das Volksstück pflegen muß. Es tritt aber bei der Verwaltung zweier Theater durch eine Persönlichkeit nicht nur eine gewisse Einseitigkeit des Spielplans hervor, sondern auch ein unsicheres Schwanken der Künstlergenossenschaft hinüber und herüber. Niemand weiß im Grunde, welchem Theater er angehört. Jeder wechselt von einer Bühne zur anderen und wird auf keiner heimisch. Solche Unzuträglichkeiten machen sich natürlich erst im Verlaus der Spielzeit geltend; zunächst empfindet das Berliner Schanspielwesen einzig den Fortgang zweier so begabter, für ihr Fach hervorragend ausgerüsteter und von einer seltenen Energie, der eine bei jäher Hitze, der andere bei gelassenem Phlegma, er­füllter Männer, wie es L'Arronge und Barnay waren. Diesem Verlust gegenüber ist die erfreuliche Thatsache der Eröffnung des Schiller-Theaters, in dem ehemaligen Wallner-Theater, unter der Leitung R. Löwenseld's, hervorzuheben. Den Bemühungen kunstsinniger Gönner und freigebiger Freunde einer edleren Volksunterhaltung ist es gelungen, das nöthige Capital zusammenzubringen. An Eifer, ein leidliches Ensemble herzustellen, läßt es der Director nicht fehlen. In dem Repertoire finden wir Schiller, Anzengruber, Laube, Wildenbruch, Björnson und ein wenig zu häufig Moser mit seinemVeilchensresser" vertreten. Unwillkürlich wünschte man eine größere Mannigfaltigkeit des Spielplans: für die komische Seite böten die Märchenspiele Raimund's, die alte Berliner Localposse von Kalisch, ein und ein anderes Lustspiel von Töpfer und Benedix sich zu anziehenden und nicht allzu schwierigen Darstellungen, für die ernste wären vor Allem Lessing und Schiller zu berücksichtigen. Leider beeinträchtigt die Nothwendigkeit, jeden Abend spielen zu müssen, sowohl die Bildung des Ensembles wie des Repertoires. Im Sturmschritt ist hierin gar nichts zu erreichen.

Von sechs größeren Theatern wird eine Anzahl von Theaterstücken gebraucht und verbraucht, die uns vor fünfundzwanzig Jahren ungeheuerlich erschienen sein würde. Ohne den reich ausgespeicherten Schatz erprobter Schauspiele und Lustspiele, über den die deutsche Schaubühne verfügt, und der, von den elastischen Dichtungen abgesehen, bis in die zwanziger Jahre des Jahrhunderts hinabreicht, vermöchten die Bühnen natürlich nicht zu bestehen. Aber auch so bleibt der modernen Pro­duction, da kein Theater ausschließlich von altem Brot leben kann, noch ein großer Spielraum, sich auszuleben. Früher war es eine beständige Klage der dramatischen Dichter, daß sie nicht beachtet würden; gegenwärtig suchen die Directoren einander den Vorrang bei den bekannteren Theaterschriststellern abzulausen. Selbstverständlich gibt es auch jetzt noch Zurückgesetzte, und nicht ganz mit Unrecht mag sich die höhere Kunst, das Geschichtsdrama in Versen wie die romantische Komödie, darüber be­klagen, daß der Zeitgeschmack sie zu sehr in den Hintergrund gedrängt habe; im Ganzen jedoch kommen die Berliner Bühnen, wenn nicht aus Neigung, so aus Noth, den modernen Schöpfungen jeder Richtung mit der größten Bereitwilligkeit entgegen, und die Ausführung von zwei bis drei Neuigkeiten in jeder Theaterwoche