Heft 
(1894) 81
Seite
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Deutsche Rundschau.

zeigt, wie bedeutend die Nachfrage, wie günstig die Aussichten der Theaterdichter sind. Daß trotzdem das Angebot noch viel massenhafter ist, liegt in dem Zudrang der Halb- und der Merteltalente zu der Theaterschriststellerei. Stärker als vordem verlockt der Glanz eines Theaterersolgs und der Gelderwerb, der damit verbunden ist. Begabte und Unbegabte, und die Fülle der Bühnen beschäftigt und versorgt, wie in der Schauspielerei, so auch in der dramatischen Production, nur zu oft die bedenklichste Mittelmäßigkeit.

Denn Keinen, der mit dem Gesetze künstlerischen Schaffens nach der statistischen Seite hin ein wenig vertraut geworden ist, kann es Wunder nehmen, daß unter neunzig bis hundert Neuigkeiten einer Saison zwei Drittel flüchtigste Eintagsfliegen sind, und von dem Drittel, das eine kritische Betrachtung verdient, kaum ein Drittel das Lampenlicht der nächsten Spielzeit erlebt. Wahrhaft schöpferische, neue Talente tauchen nur in verhältnismäßig weiten Zwischenräumen aus; von den Dichtern, die im Augenblick unsere Bühnen beherrschen, sind Hermann Sudermann und Gerhart Hauptmann seit 1889 daraus heimisch, Ludwig Fulda und Richard Boß reichen noch weiter in die achtziger Jahre, Ernst von Wildenbruch und Oskar Blumenthal bis zu ihren Anfängen, Hugo Lubliner und Paul Lindau sogar in die siebziger Jahre zurück. An Paul Lindau sind die Arbeitskraft und der Wagmuth erfreulich, mit denen er sich wieder an dem Theatertreiben betheiligt, nachdem er sich eine Weile verstimmt davon zurückgezogen hatte. Mit den Jahren, bei schärferem Ein­blick in die Kunst, ist ein alexandrtnischer Zug in ihn gekommen, er versucht sich seit 1889 in den verschiedensten Stilarten. ImSchatten" beschäftigte ihn das moderne Problem der ungleichen Ehe zwischen einem hohen Staatsbeamten und einer Operettensängerin, zwischen einem Ehrenmann und einer Frau, aus deren Ver­gangenheit ein Schatten ruht; in derSonne" erschien unerwartet der satirische, spottende Lindau seiner ersten Lustspiele wieder, aber merkwürdig: seine Satire hatte keinen Stachel und seine Fröhlichkeit etwas Müdes und Griesgrämiges. In dem Komödianten" einer geschickten, theatralischen Zusammenstellung von Vorfällen und Conflicten aus Molwre's Leben wandte er sich dem historischen Genre zu; derAndere" brachte ein pathologisches Nachtstück, an Ibsen anklingend, dem leider, nach dem spannenden und ergreifenden Anfang, die Kraft der Durchführung und der tragische Schluß mangelte; seine letzte ArbeitUngerathene Kinder", die im Schauspielhause am 3. October zur ersten Ausführung gelangte, schwenkt von allem Grausigen und Unbegreiflichen in die Nüchternheit und Harmlosigkeit einer Idylle ab. Der Duft von Loschwitz und Blasewitz, der Hauch der sächsischen Gemüthlichkeit und des sächsischen Dialects schweben darüber. Ein reicher Mann hat sein Bankgeschäft ausgegeben und sich in die Muße und den Comfort seines Landgutes zurückgezogen. Da er selber in rastloser Arbeit das Leben nicht genossen hat, wünscht er, daß sein Töchterchen Agathe als gefeierte Weltdame und sein Sohn Emil als schneidiger Jurist das von ihm Versäumte nachholen und aus vollem Becher trinken möchten. Aber zu seinem Kummer will Emil Theologie studiren, und Agathe, ein Weißes Schäfchen mit himmelblauem Bande, den Prediger heirathen, der ihren Bruder erzogen hat. Daß dieungerathenen Kinder" ihr Stück durch­setzen, ist der breit ausgesponnene Inhalt des Lustspiels. Nur durch die trefflich ausgesaßte und durchgesührte Gestalt des Pfarrers in ihrer Güte, Treuherzigkeit und unfreiwilligen Komik erhebt sich die harmlose Kleinstädterei in die künstlerische Sphäre. Lustiger, bewegter und stärker setzt der SchwankWie die Alten sungen" von Karl Niemann ein; Sonntag den 14. October wurde das forsche Soldatenspiel zum ersten Male ausgesührt. Die Handlung ist unbedeutend: Prinz Gustav, der Sohn des alten Dessauers und der Annaliese, ahmt dem Bei­spiel seines Vaters nach; wie der sich in die Apothekerstochter, hat er sich in die Tochter eines Brauers verliebt. Bald im Schloß, bald im Bürgerhause spielen sich allerlei muntere Scenen mit einem Stich in das Burleske und Possierliche ab. Geht es auch nicht immer ohne Kränkung für ein empfindlicheres Gemüth und ein