Die Berliner Theater.
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feineres Ohr ab, so schlägt schließlich doch der soldatische Zug und die derbe Holzschnittmanier, in der die Figuren entworfen sind, für das große Publicum durch.
Einen höheren literarischen Anspruch erheben die Darbietungen des Lessing- Theaters; Felix Philippi's dreiactiges Schauspiel „Wohlthäter der Menschheit", Max Nordau's Schauspiel in fünf Acten „Tie Kugel" und Hermann Sudermann's Komödie in vier Acten „Schmetterlingsschlacht". Keins dieser Stücke hat freilich Sardou's unverwüstliche „Madame Sans-Gene" von den Brettern dieser Bühne zu verdrängen vermocht. Sollte man nicht glauben, daß Napoleon und seine Marschälle es den Berlinern gerade so wie den Parisern angethan hätten? Mit lebhaftester Erwartung und Theilnahme wurde der Komödie Sudermann's entgegengesehen. Weit über den engen Kreis des zünftigen Literatenthums war das Publicum neugierig, den geliebten Dichter der „Ehre" und der „Heimath" im heiteren Reiche Thaliens zu sehen. „Die Schmetterlingsschlacht" wurde zum ersten Male am Sonnabend, den 6. October gespielt, mit einem merkwürdigen Ausgang, unter dem lauten Jubel der Freunde und dem heftigsten Widerspruch der Gegner. Und auch die späteren Vorstellungen, wenn sie gleich die Uebertreibungen der ersten Ausführung auf das richtige Maß zurückführten, verhalfen dem Stücke zu keinem rechten Erfolg. Die Freunde des Dichters sind geneigt, nicht ganz mit Unrecht, der schleppenden und rührseligen Darstellung die Schuld daran auszubürden, und der Sieg, den das Stück, als flottes Lustspiel gegeben, im Burgtheater zu Wien errang, scheint ihnen Recht zu geben. Aber doch nur bis zu einem gewissen Grade. Selbst wer ohne Voraussetzungen und große Erwartungen, wie ich, die „Schmetterlingsschlacht" bei ihrer dritten Ausführung besuchte, wurde die Empfindung einer erkältenden Enttäuschung nicht los. Der phantastische Titel stand mit dem alltäglichen Inhalt der „Komödie" in einem gar zu grellen Kontrast, und der Widerspruch zwischen der beabsichtigten komischen Wirkung und dem Naturell des Dichters brach überall durch. Sudermann steht, mit einer stärkeren Betonung der socialen Gegensätze, wie sie jetzt in der Lust liegt, im Banne des Jffland'schen Rühr- und Familienstücks. Die starken Drucker und Schlager in der „Ehre", „Sodoms Ende" und „Heimath", das moderne Pathos der Freiheit und Selbstbestimmung, der Geniesucht und der Rechte des Herzens, die brennende Farbengebung verbergen dem naiven Zuschauer die Herkunft und Verwandtschaft dieser Schauspiele; in der „Schmetterlingsschlacht" offenbarte sie sich all zu deutlich. Die Möglichkeit, das Triviale der Fabel und „die gemeine Deutlichkeit" der Charaktere durch phantastischen Humor oder groteske Züge zu überwinden, wie es wenigstens in einigen Scenen der Märchenkomödie Wildenbruch's „Das heilige Lachen" geschehen ist, war nicht ausgeschlossen, aber der trockene Realist, der in Sudermann steckt, konnte oder wollte die günstige Gelegenheit nicht ergreifen. Was er uns bietet, ist ein Stück kleinbürgerlichen Lebens, weder verzerrt noch verschminkt, aber mehr herzbeklemmend, als herzersreuend, wahr, aber nichts weniger als ergötzlich. Den bitteren Bodensatz der Flasche kann auch das lustigste Spiel der Schauspieler nicht beseitigen. Die Wittwe eines Subalternbeamten, Frau Hergentheim, bringt sich und drei Töchter schlecht und recht, mit Ach und Krach durch das sorgenvolle Leben. Dabei kann es nicht immer reinlich und vornehm zugehen. Die Mutter wie die beiden ältesten Töchter Else und Laura haben ihre Gedanken aus eine vortheilhaste Heirath gerichtet; das ist die eine Seite der „Schmetterlingsschlacht". Da nun das Männer- Einsangen fürs Erste ein brodloses Vergnügen ist, muß die jüngste Tochter Rost durch ihre Thätigkeit der Familie den Unterhalt erwerben. Sie ist eine kleine Künstlerin im Zeichnen und Malen von Schmetterlingen als Fächerschmuck, mit reicher Phantasie, einer geschickten Hand und einem goldigen Herzen. Hier haben wir die andere, gleichsam die idealische Seite des Titels „Die Schmetterlingsschlacht" zu suchen. Rosi knüpft die Verbindung zwischen ihrer Mutter und ihren Schwestern und dem Hause Winkelmann an. Es ist der von Sudermann mit Vorliebe aus-